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von PierrotLeFou

Vor 50 Jahren: Terayamas Blick auf den Blick auf die eigene Kindheit

Stichwörter: 1970er Coming-of-Age Drama Japan Jubiläum Klassiker Metafilm Spielfilm Terayama


Den'en ni shisu (1974)
Nachdem sich Shuji Terayama in den 60er-Jahren als Autor und Kurzfilmregisseur erprobte, erzielte er mit der stark skandalisierten und erst nach Jahrzehnten postum als Director's Cut zugänglich gemachten satirischen Farce "Tomato Kecchappu Kōtei" (1971), die avantgardistisch mit Elementen des Dramas, der Dystopie und des Sexfilms spielt, seinen Durchbruch. Im gleichen Jahr kam auch sein politisiertes Drama "Sho o suteyo machi e deyou" (1971) heraus. Mit dem am 28. Dezember 1974 uraufgeführten "Den'en ni shisu" begann dann die vielleicht zugänglichste Schaffensphase der Regisseurs, zu der vor allem auch noch das Sportler-Drama "Bokusâ" (1977) und – neben dem Episodenfilmbeitrag für "Collections privées" (1979) von Terayama, Just Jaeckin und Walerian Borowzyc – der Erotikfilm "Les fruits de la passion" (1981) mit Klaus Kinski gehörten, die aber auch weiterhin von avantgardistischen Kurzfilmen geprägt war, darunter vor allem die Leautremont-Verfilmung "Marudororu no uta" (1977). Leautremont ist nur ein Beispiel für die zahlreichen Einflüsse französischer Kultur, die sich bei Terayama niederschlagen, dessen "Den'en ni shisu" als Beitrag zur Nuberu bagu auch vor dem Hintergrund der Nouvelle vague zu sehen ist. Das zu ihrer Zeit vermehrt aufgekommene Spiel mit selbstreflexiven bis metafilmischen Elementen schlägt sich hier nieder, ebenso eine wie auch bei Godard angeeignete brechtsche Verfremdung. Zugleich aber ist Terayama auch einer jener japanischen Regisseure, bei denen sich das Fellineske merklich niederschlägt: Fellini, in Japan selbst noch mit dem in Europa weniger gewertschätzten "Il Casanova di Federico Fellini" (1976) ausgesprochen erfolgreich, dürfte bei "Den'en ni shisu" besonders in den Sinn kommen, weil sein im Vorjahr erschienener "Amarcord" neben den üppigen, sinnlichen, mal leicht surrealen, mal leicht grotesken Motiven auch eine ähnliche Erzählung zu bieten hat, die von den Erinnerungen an die Kindheit im Heimatsort handeln. Bei Terayama ist die Sturktur allerdings wesentlich komplexer: Die Erinnerung an die Kindheit und den Fortgang von der Familie an der Schwelle zum Erwachsenenalter entpuppt sich in "Den'en ni shisu" als Film im Film; und der Junge von einst konstruiert nun in der Rolle des Regisseurs sein Leben selbst zur Erzählung, arbeitet am Selbstbildnis, das währenddessen immer mehr die Kontur zu verlieren droht.
Wie bei so vielen Terayamas steht auch im Fall von "Den'en ni shisu" eine DVD- oder Blu-ray-Veröffentlichung noch aus.



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