14. Februar 2020

Beitrag

von PierrotLeFou

Vor 75 Jahren: Der RKO-Val-Lewton-Zyklus neigt sich dem Ende entgegen

The Body Snatcher (1945) & Isle of the Dead (1945)

Das Jahr 1945 ist einer der ganz großen Marksteine in der Geschichtsschreibung. Dass neben dem Ende des Zweiten Weltkriegs auch eine Art Ende des klassischen Horrorfilms in dieses Jahr fällt, ist ein Umstand, der im direkten Vergleich zurecht völlig unbedeutend anmutet. Blickt man aber erst einmal ohne Gedanken an die große Weltgeschichte in gängige Filmografien des Horrorfilms, kommt man gar nicht umhin, das deutliche Abebben der Produktivität ab 1945/46 zu bemerken. Die Bilder aus den befreiten "Nazi Concentration Camps" (1945) berücksichtigend, die Aufnahmen der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 berücksichtigend kam man mit einem hilfreichen zeitlichen Abstand alsbald darauf, dass die Filmgeschichte etwas über die Befindlichkeit der Nachkriegsgesellschaften wiederspiegelte. Der Neorealismus reagierte als Beginn einer filmischen Moderne zuerst, nicht weniger markant fiel aber eben die Entwicklung im phantastischen US-Film aus: Sieht man von einer Abbott-&-Costello-Parodie ab, endete Universals Phase des klassischen Horrorfilms mit letzten Kino-Uraufführungen im Jahr 1945, Val Lewtons mit "Cat People" (1942) begonnener Horrorfilm-Zyklus bei RKO neigte sich ebenfalls dem Ende entgegen: "Bedlam" (1946) wurde ab Mitte Juli bis Mitte August 1945 abgedreht – ein weiterer Beitrag sollte nicht mehr folgen. Und auch ansonsten waren ab 1946 nur noch singuläre Genrebeiträge zu finden, die auch nicht mehr die Qualität hochwertiger B-Movies erreichten.
Robert Wises am 16. Februar 1945 uraufgeführter "The Body Snatcher" und Mark Robsons am 1. September 1945 "Isle of the Dead" zählen – neben dem britischen Episodenfilm "Dead of Night" (1945) und den qualitativ eher mäßigen Universal-Horror-Ausläufern – zu den letzten Klassikern des klassischen Horrorfilm, ehe bald eine neuartigere Phase des Science-Fiction-Horror einsetzte, welche die 50er Jahre dominierte und mit Warnungen vor wissenschaftlichen oder militärischen Entgleisungen den Kalten Krieg adäquat begleitete. Die erwähnten Filme stellen die zweit- bzw. drittletzten Horrorfilme des Produzenten Val Lewton dar, wobei man darüber streiten kann, welchen von ihnen man als zweit- oder drittletzten einstufen will. In Angriff genommen wurde zunächst "Isle of the Dead", dessen Dreharbeiten im Juli 1944 begonnen hatten. Eine OP Boris Karloffs führte zum Stopp der Dreharbeiten – und nach seiner Genesung wurde zunächst einmal "The Body Snatcher" in Angriff genommen, der dann letztlich auch früher fertiggestellt und veröffentlicht worden war.
"The Body Snatcher" basiert auf der gleichnamigen Erzählung Robert Louis Stevensons, die vage vom Fall um Burke & Hare und deren West-Port-Morde inspiriert worden war. Von Drehbuchautor Philip MacDonald ("Rebecca" (1940)) und Val Lewton höchstselbst in ein spielfilmgemäßeres Drehbuch übertragen, schrieb der Film unter Robert Wises Regie Genrefilmgeschichte: Letztmals agierten Boris Karloff und Bela Lugosi (in undankbarer Minirolle) gemeinsam in einem Film – welcher zu den Höhepunkten von Lewtons Zyklus nach Jacques Tourneurs "Cat People" und "I Walked with a Zombie" (1943) und neben Mark Robsons "The Seventh Victim" (1943) und dessen lange Zeit geschmähtem "Isle of the Dead" zählt und unter Wises Frühwerken des phantastischen Films noch vor "The Curse of the Cat People" (1944) und der sehenswerten "The Most Dangerous Game"-Neuverfilmung "A Game of Death" (1945) als der wichtigste Klassiker gilt. Wie "Isle of the Dead" und die übrigen Lewton-Zyklus-Filme liegt er in Warners The Val Lewton Horror Collection auf DVD vor: Fassungseintrag von Intergalactic Ape-Man.
Auf die Geschichte eines Mediziners, der sich von einem zwielichtigen Kutscher Leichen für die Anatombie bringen muss, bis er sich selbst als Auftraggeber eines Mörders erkennen muss, folgte dann der schon früher begonnene "Isle of the Dead". Der vor einiger Zeit von Martin Scorsese hochgelobte Horrorfilm kam quasi mit dem Kriegsende in die Kinos gelangte, siedelte seine Geschichte alter Vampir-Mythen mit Anleihen an Böcklins "Toteninsel"-Bildern (1880-1886) während der Balkankriege an – ein Horrorfilm-Setting, das in der unmittelbaren Nachkriegszeit sicherlich über wenig Zugkraft verfügt haben dürfte, was den geringen kommerziellen Erfolg des Films miterklären könnte. Als der Misserfolg dieses Karloff-Horrorfilms ersichtlich wurde, war die Produktion des folgenden Lewton-/Robson-/Karloff-Horrorfilms "Bedlam" bereits in vollem Gange. Karloffs Karriere als Star des klassischen Horrorfilms geriet fortan wie die Genrespielart selbst gehörig ins Straucheln. Ließen sich mehr als ein Dutzend seiner Filme während des Zweiten Weltkriegs zu dieser Sparte zählen, so ließ sich nach "Bedlam" bloß noch etwa ein halbes Dutzend solcher Filme finden, die sich bis zum Ende der 50er Jahre erstreckten. Keine von diesen Filmen konnte jedoch an die Qualität der hier genannten RKO-Filme anknüpfen, mit denen der klassische Horrorfilm sein vorläufiges Ende erlebte, ehe Mario Bava in Italien, Samuel Z. Arkoff, Roger Corman, Vincent Price und AIP in den USA und Terence Fisher und die Hammer-Studios in Großbritannien zwischen 1958 und 1960 ein Revival ermöglichten, von dem auch Karloff noch einmal profitieren konnte.
Worum es in "Isle of the Dead" geht und wo die Qualitäten und Defizite des Films liegen, verrät Frankie in seinem Review.

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