6. Dezember 2019

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von PierrotLeFou

Vor 100 Jahren: Erich von Stroheims Regiedebüt

Blind Husbands (1919)

Zwischen 1915 und 1955 legte Erich von Stroheim eine beachtliche Karriere als Schauspieler hin. Bereits im ersten Jahr dieser Karriere, in John Emersons "Old Heidelberg" (1915), gewinnt er Profil, gerät der Darsteller zum Typus – fortan mimte er regelmäßig gewissenlose Schurken, häufig um Schneid bemühte Typen, mitunter mit aristokratischem Charme versehen und im Ersten Weltkrieg immer häufiger: deutsch. 1919, als von Stroheim seine noch wesentlich größere Regie-Karriere beginnen sollte, galt er als der böse Deutsche. Als preußische Bestie, die auch schon einmal Kleinkinder aus dem Fenster schleudert ("The Hun Within" (1918)). Doch parallel zu seiner Karriere als Darsteller assistierte er auch vielfach bei verschiedenen Regisseuren: immer wieder bei John Emerson, aber auch bei D. W. Griffith – der von Stroheim vom Statisten zum Nebendarsteller avancieren ließ – während "The Birth of a Nation" (1915) oder bei Allan Dwan.
Als er dann am 7. Dezember 1919 sein Regiedebüt in die Kinos brachte, galt er schlagartig als einer der talentiertesten Regisseure seiner Zeit, dem schon zu diesem Zeitpunkt Originalität und Innovativität zugesprochen worden waren. Der formal durchweg souveräne Film bietet mit dynamischen Kutschfahrten oder Träumereien vor Spiegeln regelmäßig kleine Höhepunkte, bisweilen gar doppeldeutige, anzügliche Bildkompositionen – und vor allem eine elegante Montage, die nicht zuletzt erotisches Begehren gekonnt herausarbeitet. Aber vor allem das psychologische Drama lässt den Film weit über dem Durchschnitt liegen, wirkt es doch wesentlich authentischer als viele Melodramen seiner Zeit. Es ist eine Art Dreiecksgeschichte, in der – von einigen Blicken und Gedankenspielen abgesehen – nichts Ungebührliches geschieht; dennoch stürzen die beteiligten Männer darüber ins Unglück, das nur einer heile überstehen wird. Und die Frau ist dabei weder femme fatale noch femme fragile. "Blind Husbands" war der würdige Beginn einer großen Karriere, in der von Stroheim immer wieder auf Anweisung der Produzenten zusehen musste, wie andere seine intendierten Schnittfassungen teils bis zur Unkenntlichkeit bearbeiteten. Eine tragische große Karriere, kulminierend im Debakel von "Greed" (1924), von Strohheims Neunstünder, der auf 2½ Stunden gekürzt wurde: von Stroheim soll geweint haben, als diese (mittlerweile auf 4 Stunden rekonstruierte) Rumpffassung in die Kinos kam. Von solchen Eingriffen ist "Blind Husbands" erfreulicherweise frei geblieben, sieht man einmal davon ab, dass "Blind Husbands" nicht von Stroheims Wunschtitel war. Tragischerweise ist auch dieser von Stroheim heute nur verunstaltet zu bekommen, wenngleich vor knapp 15 Jahren eine nochmals deutlich längere österreichische Kopie entdeckt worden war, die mit der erhaltenen kürzeren US-Version in der edition filmmuseum auf DVD vorliegt: Fassungseintrag von Freddy J. Meyers

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