31. Januar 2020

Beitrag

von PierrotLeFou

Vor 100 Jahren: Sjöström im Wandel

Klostret i Sendomir (1920) & Karin Ingmarsdotter (1920)

Die Jahre 1919 bis 1921 brachten einige Änderungen für den schwedischen Regie-Großmeister Victor Sjöström mit sich – beruflich wie privat. Es wäre übertrieben, von einem Einschnitt zu sprechen – ein solcher war etwas später sein Sprung nach Hollywood; aber es fand doch eine zaghafte, tastende Neuausrichtung statt, die ein paar inhaltliche Neuerungen und sanfte tonale Verschiebungen mit sich brachte.
Als Sjöström "Terje Vigen" (1917) vorgelegt hatte, galt er bereits vornehmlich als Dramen-Regisseur. Als solche wurde er nun aber auch im Ausland wahrgenommen und in den folgenden zwei Jahren brachte er es international als Regisseur zu Weltruhm, der die skandinavische, meist schwedische Landschaft und oftmals schwedische Erzählungen zu schweren Dramen vereinte. Auf den in Norwegen angesiedelten "Terje Vigen" folgte die Lagerlöf-Verfilmung "Tösen från Stormyrtorpet" (1917), daraufhin der in Island spielende, aber im Norden Schwedens gedrehte "Berg-Ejvind och hans hustru" (1918) und schließlich der auf Lagerlöf basierende Zweiteiler "Ingmarssönerna" (1919), mit dem er die großen Erwartungen nach "Berg-Ejvind och hans hustru" vollkommen zu erfüllen vermochte. Durchweg Meisterwerke des frühen skandinavischen Kinos, die ein recht homogenes Bild Sjöströms entstehen ließen. Danach, im Sommer 1919, wird Sjöström nicht bloß zum zweiten Mal Vater, sondern sieht sich auch beruflich mit einem Wandel konfrontiert: Die Produktionsfirma Svenska Biografteatern sollte mit der Filmindustri AB Scandia fusionieren – woraus letztlich Ende Dezember 1919 die Svensk Filmindustri hervorging, die später unter Ingmar Bergman nochmals großes internationales Renommee genießen sollte. Mit der phantastischen Lagerlöf-Verfilmung "Körkarlen" (1921) sollte Sjöström später den ersten Film in der Filmstaden der Svensk Filmindustri, dem neuen Filmstudio in Solna, produzieren.
Doch bevor die Svensk Filmindustri im Dezember 1919 entstand, hatte Sjöström noch zwei Filme abgedreht: die im November 1919 uraufgeführte Komödie "Hans nåds testamente" (1919) nach einer Vorlage des zeitgenössischen Autors Hjalmar Bergman, mit dem Sjöström fortan mehrfach zusammenarbeiten würde, und den Anfang Januar 1920 uraufgeführten "Klostret i Sendomir" nach einer Vorlage von Franz Grillparzer. War "Hans nåds testamente" ein ungewohnter Ausflug in Komödiengefilde, so war "Klostret i Sendomir" ein Ausflug in ein ungewohntes Milieu: ins aristokratische und mönchische Leben in Polen im 17. Jahrhundert, wobei vor allem die Innenaufnahmen bei weitem dominieren. Überaus erfolgreich in Frankreich, enttäuschte er dennoch jene, die ein weiteres Beispiel naturalistisch porträtierter, dennoch als Seelenlandschaften tauglicher Landschaften oder auch bloß skandinavisches Lokalkolorit erwarteten. Insbesondere der schwedische Filmemacher und Filmhistoriker Gösta Werner kritisierte Sjöströms Stoffwahl an "Klostret i Sendomir". (Worum es geht, verrät die Inhaltsangabe von PierrotLeFou.)
Nur einen Monat später kam am 02. Februar 1920 "Karin Ingmarsdotter" (1920) heraus, mit dem Sjöström direkt an seinen Zweiteiler "Ingmarssönerna" (1919) aknüpfte: Allerdings war dies bereits sein vorzeitiger Abschluss der auf fünf Filme angelegten Verfilmung von Lagerlöfs "Jerusalem" (1901/1902). Erst Gustaf Molander sollte ab 1925 mit "Ingmarsarvet" (1925) und "Till österland" (1926) diesen Filmzyklus abschließen – da weilte Sjöström längst in den USA. Obgleich Sjöström eine denkbar große Nähe zu seinen größten Erfolgen wahrt, kam "Karin Ingmarsdotter" als direkte Fortsetzung nicht allzu gut an: kommerziell blieb sie weniger erfolgreich, die Kritik stieß sich an einer gesteigerten Theatralik, mit welcher die Handlung vermittelt werde. (Worum es geht, verrät die Inhaltsangabe von PierrotLeFou.) Im Gegensatz zu den leichten Neuausrichtungen "Hans nåds testamente" und "Klostret i Sendomir" war "Karin Ingmarsdotter" noch eine Art Abschluss der ersten Hochphase Sjöströms, aber keine echte Rückkehr: in der Folgezeit verlegte sich Sjöström auf weitere enge Zusammenarbeiten mit Hjalmar Bergman, auf exotischere Auslandsstoffe wie "Vem dömer" (1922) oder "Det omringade huset" (1922) und vollzog mit einer weiteren meisterhaften Lagerlöf-Verfilmung, mit "Körkarlen", den Wechsel von naturalistischen Eindrücken und beeindruckenden Landschaftsbildern zur Phantastik und in städtisches Milieu. Und bereits ab 1924 wirkte Sjöström dann längere Zeit in Hollywood.
"Klostret i Sendomir" & "Karin Ingmarsdotter" mögen Highlights in Sjöströms Karriere sein, sind aber durchaus noch formal bestechende Literaturverfilmungen, die für geneigte Cineasten zudem als Werke einer Übergangsphase der Neuorientierung von Interesse sein dürften.

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