25. September 2017

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von PierrotLeFou

Vor 50 (bzw. 25) Jahren: Ein Dokumentarfilm-Skandal: Frederick Wisemans erster Film

Titicut Follies (1967)

Frederick Wiseman gilt als ein bedeutendes Urgestein des modernen Dokumentarfilms. Seit 1967 dreht er bis heute beinahe ausschließlich Dokumentarfilme - mittlerweile 46 Titel... Häufig wird kolportiert, dass Wisemans Filme - die ohne Voice Over, ohne Filmmusik auskommen - objektiv & neutral, ohne inszenatorische Verzerrungen ein Geschehen abbilden würden. Wiseman selbst verweist dagegen immer wieder auf die Bedeutung seiner Montage, mit der er dem abgedrehten Material eine Dramaturgie und Rhythmus zukommen lasse. Und man muss auch nicht übermäßig kritisch auf Wisemans Filme blicken, um viele Momente wahrzunehmen, in denen Neutralität weitgehend aufgegeben wird: In "Primate" (1974) geschieht das überdeutlich schon ganz am Anfang des Films, aber auch "Titicut Follies" enthält solche Momente bereits. Die Label direct cinema und cinémá vérité wies Wiseman daher auch stets von sich.

"Titicut Follies" ist Wisemans erste Regiearbeit. Nachdem er zunächst als Rechtsanwalt und als Dozent gearbeitet hatte - um 1963 bereits den semi-dokumentarischen Harlem-Film "The Cool World" (1963) von Shirley Clark zu produzieren -, beginnt er 1967 mit ebendiesem Film eine erfolgreiche Film-Karriere. "Titicut Follies" gilt bis heute als einer von Wisemans besten Filmen und ist zweifelsohne sein größter Skandalfilm, obgleich er auch später noch manche Kontroverse ausgelöst hatte. Für seinen ersten Film durfte Wiseman im Bridgewater State Hospital die "criminally insane" sowie das Personal begleiten. (Auch später wird er sich immer wieder diversen Institutionen und ihrer ganz eigenen Logik & Funktionsweise widmen.) Ganz direkt zeigt er den Alltag der Insassen, die teils ohne Kleidung über die Flure oder in ihre Zellen geschickt werden; er zeigt die zermürbenden Gespräche, welche die Patienten mit den Doktoren führen müssen, welche jeden nur allzu verständlichen Anflug von Erregeung als Ausdruck psychischer Störung verbuchen; er zeigt die Zwangsernährung per Nasensonde, derweil der behandelnde Pfleger genüsslich eine raucht; er zeigt noch die Körper der verstorbenen Insassen. Die einstudierten Tanz- & Gesangsnummern der Insassen bilden vor diesem Hintergrund bloß verstörende Kontraste und keine aufheiternden Inseln inmitten des menschenunwürdigen Alltags. "Titicut Follies" ist wahrlich nicht daran gelegen, irgendetwas zu beschönigen - und wirft noch heute die Frage auf, ob er die Würde der Inhaftierten nicht noch zusätzlich verletzt oder ob er vielmehr im Sinne der Inhaftierten die Verletzung ihrer Würde durch das Bridgewater State Hospital anprangert. Dass die Regierung von Massachusetts den Film noch vor seiner Festivalvorführung am 28. September 1967 aus dem Verkehr ziehen wollte, verwundert kaum: Dass man dabei an die verletzte Würde der Insassen gedacht habe, klingt dagegen nur teilweise überzeugend, haben diese doch ihr Einverständnis gegeben; verhindern konnte man die Vorführung zunächst nicht. Erst 1968 war diese Zensurmaßnahme erfolgreich, wenngleich der Film ab 1969 zumindest vor Anwälten, Ärzten, Pflegern, Sozialarbeitern und Studenten gezeigt werden durfte. Es verging ein gutes Vierteljahrhundert, ehe der Film schließlich 1991 wieder freigegeben worden war: am 04. September 1992 lief er dann erstmals über heimische Bildschirme - und sollte sein Ziel mittlerweile erreicht haben. Die Zustände im Bridgewater State Hospital sollten sich zwischenzeitlich erheblich gebessert haben.

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