Ruttmann Opus III (1925) & Ruttmann Opus IV (1925) & Diagonalsymphonie (1925)
Mit "Lichtspiel Opus I" (1921) hatte Walter Ruttmann nach Vorarbeiten anderer Künstler wie Hans Lorenz Stoltenberg den abstrakten und absoluten Film, ja den Avantgarde- und Experimentalfilm in der deutschen Filmlandschaft etabliert. Vier Jahre später neigte sich die kurze Blütezeit des abstrakten Films im deutschen Raum wieder dem Ende zu, wenngleich sich für den avantgardistischen und absoluten Film noch Beispiele finden ließen wie Ruttmanns rhythmisch montierter Dokumentarfilm "Berlin - Die Sinfonie der Großstadt" (1927), der freilich mit den animierten Form- und Farbspielen seiner Opera (1921-1925) nur noch indirekt etwas zu tun hatte.
Am 3. und 10. Mai wurde in Berlin das Programm "Film-Matinee: Der absolute Film" gezeigt, das unter anderem Ruttmanns Opera III und IV enthielt: Pfeile und Rechtecke geben in "Ruttmann Opus III" zunächst den Ton vor, wobei Größenveränderungen, Bewegungen und Farbveränderungen im Zusammenspiel einen Rhythmus besorgen. Eine Diagonale und eine Vertikale geben dann eine Linie vor, an der sich Wellenbewegungen orientieren, ehe Rechtecke das Bild vertikal zu strukturieren beginnen, bevor der Film zu seinen anfänglichen Mustern zurückkehrt. In "Ruttmann Opus IV" strukturieren die Rechtecke dann zu Anfang das Bild horizontal; dergestalt, dass sich gewissermaßen das Muster einer sich öffnenden und schließenden Jalousie ergibt. Vertikale Rechtecke kommen hinzu, unterbrechen und stören dieses Spiel, bis schließlich Wellen- und Kreisformen eine organischere Form der Unruhe in den Film bringen, der späterhin mehrfach neu musikuntermalt wurde und unter Ruttmanns Opera als das komplexeste gilt.
In besagter Matinee war auch "Diagonalsymphonie" von Viking Eggeling zu sehen. Dieser hatte sie schon 1923 begonnen und im Herbst 1924 bereits privat gezeigt. Die öffentliche Vorführung in der Matinee fand ohne Eggelings Anwesenheit statt, der sich bereits einige Monate im Krankenhaus befand, wo er am 19. Mai verschied. Die "Diagonalsymphonie" ist die einzige fertiggestellte Filmarbeit des Künstlers, der als Maler mit Interesse am Kubismus ab 1918 sogenannte Rollenbilder erschuf, die Serien sich wandelnder geometrischer Formen auf langen, aufrollbaren Bildern enthielt. Es sollte bis 1924 dauern, dass Eggeling einen (bereits zweiten) Versuch, die Rollenbild-Ästhetik in den Film zu überführen, abschließen konnte. Das Ergebnis ist weniger rhythmisch als Ruttmanns Opera, insgesamt merklich statischer (trotz einer permanenten Bewegung des Ent- und Verhüllens der darzubietenden Muster), dafür jedoch sind die designten Muster aber komplexer, erinnern mitunter an Harfen und weisen dabei vielfach Art déco-Elemente auf. Vielleicht liegt es an der geringeren Rhythmik, dass Eggelings Werk ursprünglich für eine stumme Aufführung gedacht war. Aber auch die "Diagonalsymphonie" erhielt bis heute verschiedene Vertonungen.
Ruttmanns Opera sind als Bonusmaterial in der Edition Filmmuseum #39 zu erhalten. Die mittlerweile 20 Jahre alte Kino on Video-DVD-Edition Avant-Garde - Experimental Cinema of the 1920s & 1930s enthält Eggelings Klassiker neben weiteren Marksteinen der Avantgarde, ist aber oftmals nicht ganz günstig zu bekommen: Fassungseintrag von Der Kre-Lo
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