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von ratz

Vor 25 Jahren: Béla Tarr zeigt das andere Europa

Stichwörter: 2000er Deutschland Drama Fitz Frankreich Hranitzky Italien Jubiläum Klassiker Krasznahorkai Literaturverfilmung Rudolph Schygulla Spielfilm Tarr Ungarn


Werckmeister harmóniak (2000)

Nach seinem notorisch langsamen Sieben-Stunden-Film „Sátántangó“ (1994, Anniversary-Text) wechselte der ungarische Regisseur Béla Tarr zwar das Tempo, jedoch nicht das Thema: In „Werckmeister harmóniak“, uraufgeführt im Mai 2000 bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes, zeichnet er weiter an seinem düster-pessimistischen Weltbild, in dem einbrechende Veränderungen für eine ohnehin gebeutelte Gemeinschaft nichts Gutes bedeuten.

Seit seinem Durchbruch mit „Kárhozat“ von 1988 arbeitete Béla Tarr für die Drehbücher seiner Filme eng mit dem Schriftsteller László Krasznahorkai zusammen, „Werckmeister harmóniak“ basiert auf dessen 1989 erschienen Roman „Die Melancholie des Widerstands“. Die mäandernde und verschachtelte Syntax der Vorlage übersetzt Tarr in die für ihn typischen Schwarzweißbilder, in lange ungeschnittene Szenen, in denen öfter geschwiegen als geredet wird und das ärmliche, heruntergewirtschaftete Setting an manche Zustände im zuendegehenden Ostblock erinnert. Wie andere Autorenfilmer auch umgab sich Tarr für „Werckmeister“ mit weiteren vertrauten Weggefährten: Ko-Regisseurin und Schnittmeisterin war seine Ehefrau Ágnes Hranitzky, die elegische, repetitive Musik steuerte Mihály Vig bei, und viele der ungarischen Darsteller sind bekannte Gesichter aus dem Tarr-Kosmos. Die Hauptrollen sind mit den drei deutschen Schauspiel-Schwergewichten Lars Rudolph, Peter Fitz und Hanna Schygulla besetzt, sie spielen einen unbedarften Zeitungsausträger, einen zurückgezogenen Intellektuellen (der sich mit den titelgebenden Musiktheorien befaßt) und dessen getrennt lebende Ehefrau, die mit Machtinstinkt ihren Vorteil sieht, als sich in ihrer kleinen Stadt die unsicheren Verhältnisse zuspitzen. Es ist rückblickend beinahe unmöglich, sowohl „Sátántangó“ als auch „Werckmeister“ nicht als eine Parabel auf die tiefgreifenden Veränderungen in Osteuropa nach dem Ende des Kalten Krieges zu sehen, als alle Gewißheiten wegfielen und sich die Verhältnisse zum Teil radikal änderten. Spätestens, sobald in „Werckmeister“ ein gewalttätiger Mob alles in seinem Weg verwüstet und sogar Panzer einrücken, müssen dem damaligen Publikum unweigerlich die noch nicht beendeten Jugoslawienkriege mit ihren unaussprechlichen Grausamkeiten an und durch die Zivilbevölkerung vor Augen gestanden haben.

Auch wenn Béla Tarr sich inzwischen zur Ruhe gesetzt hat, so sind die Themen seiner Filme keineswegs abgeschlossen: erst 2023 und 2024 gab es jeweils Opern-Adaptionen von Krasznahorkais „Melancholie des Widerstands“. Überhaupt ist die Beschäftigung mit den dunklen Seiten der osteuropäischen Transformation, jenseits aller westlichen Jubelrhetorik, das wohl größte Verdienst der künstlerischen Zusammenarbeit von Krasznahorkai und Tarr – wohlgemerkt jedoch nur eine der möglichen Interpretationen der Vorgänge in „Werckmeister harmóniak“. Der Film ist bei uns aktuell (auch mit deutscher Synchronisation) nur auf eine Weise erhältlich, als Streaming bei filmfriend.de, dem Service der öffentlichen Bibliotheken. Im O-Ton glänzt die Criterion-Ausgabe mit hochaufgelöstem 4K-Bild und Tarrs frühem Spielfilm „Családi tüzfészek“ (1979) als Bonus. In seiner OFDb-Kritik schildert Violence Jack ausführlich seine Faszination für Tarrs europäischen Filmklassiker.







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