Al otro lado del espejo (1974) & Les possédées du diable (1974)
Mitt der 70er hatte Jess Franco bereits damit begonnen, die neuen Möglichkeiten des Darstellbaren voll und ganz auszukosten. Die Filme gerieten unverblümter, gar vulgärer mitunter, und Pornografisches fand langsam, aber deutlich Einzug in sein Schaffen, wenngleich hauptsächliches Pornografisches erst gegen Ende der Dekade so richtig bei Franco aufblühen sollte. Und doch bewahrte er sich noch Ambitionen, die in den kommenden Jahren merklich abflauen sollten.
Im Januar 1974 legte Franco mit "Al otro lado del espejo" seinen wohl besten Film neben "Paroxismus" (1969) vor: Nicht Lina Romay stand hier vor seiner Kamera, sondern die ungleich begabtere, weniger zum Exhibitionismus neigende Emma Cohen. Sie spielt Ana, deren bevorstehende Hochzeit den Vater (Howard Vernon) in den Selbstmord treibt. Sie findet seinen erhängten Leichnam vor, nimmt ihn zunächst als Abbild im großen Spiegel wahr. Dort wird er ihr künftig immer wieder erscheinen, wenn die längst als Musikerin erfolgreiche Frau wieder anderen Männern nahe zu kommen "droht". Und es scheint so, als ob der seiner Tochter in inzestuösem Begehren zugeneigte Vater den Geist Anas trübt und sie zur männermordenden Femme fatale macht: zur Femme fatale, die tötet, was sie begehrt, um keine Konkurrenten an des Vaters Stelle treten zu lassen. Einflüsse Luis Buñuels schlagen sich hier nieder und inhaltlich kommt "Al otro lado del espejo" komplex, vieldeutig und vergleichsweise einfühlsam daher. Grundsolide ausgestattet, mit teils sehr durchdachter Farbdramaturgie, souverän gefilmt, mehr als bloß routiniert montiert. Auch der Cast, der neben Cohen noch Robert Woods, Philippe Lemaire und Françoise Brion aufweist, derweil sich neben Vernon bloß noch Alice Arno als Franco-Stamm-Darstellerin tummelt, macht einen vergleichsweise seriösen Eindruck. Qualitäten, die man zumindest in diesem Ausmaß nicht wieder bei Franco finden sollte. Das gilt bereits für die späteren Schnittfassungen, die Franco von seinem Film anfertigte: in der französischen Variante für de Nesle dann tatsächlich mit Lina Romay in der Rolle einer Schwester Anas, die sich ihr psychologisch weniger überzeugend im Spiegel zeigt.
Für de Nesle fertigte Franco auch den am 18. Dezember 1974 uraufgeführten "Les possédées du diable" an: hier schlägt sich Francos Interese für die phantastische Literatur merklich nieder, greift doch der Film das Motiv des unheilvollen Paktes auf, in dessen Rahmen das eigene Kind versprochen wird, sobald es ein bestimmtes Alter erreicht haben wird: Patrick Mariel ist ein erfolgreicher, glücklicher Mann. Als er seinen Familienurlaub jedoch kurzerhand nach Camargue verlegt, stellt sich bald heraus, weshalb: einst war er mit der geradezu dämonischen Lorna Green einen Deal eingegangen. Ihm hatte er Glück und Vermögen gebracht; nun fordert Lorna ihren Lohn: Patricks inzwischen erwachsene Tochter. Mit Anleihen beim Kriminalfilm stattet Franco diese Geschichte aus, in der Erotik und Verderben wieder einmal dich beieinander liegen. Und sie verschwimmen so deutlich wie kaum sonst bei Franco im Motiv des Wassers, derweil Lorna Green geradezu wie eine Meereshexe in Erscheinung tritt. Und mit dem Film verschwimmen gleich auch fast alle übrigen Francos, die mit diesem oder jenem Moment hier Eingang gefunden haben. Dass hier mitunter zu schwelgerisch dudelndem Sountrack minutenlange Sexszenen ablaufen, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass "Les possédées du diable" ein sehr konsequenter Franco geworden ist, der voll und ganz bei sich selbst angekommen ist.
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