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von PierrotLeFou

Vor 75 Jahren: Giuseppe De Santis zwischen Neorealismus und Kolportage

Stichwörter: 1940er De-Santis Drama Erotik Italien Jubiläum Klassiker Kriminalfilm Liebesfilm Lizzani Mangano Neorealismus Spielfilm


Riso Amaro (1949)
Was auch immer man sich vom Neorealismus für die Zukunft des Kinos selbst erhofft hatte: während er selbst als filmische Schule maßgeblich zum Bezugspunkt der vielen neuen Wellen ab Ende der 50er Jahre geriet und das Weltkino merklich beeinflusste, so entwickelten sich etliche der prägenden Figuren des Neorealismus in Richtungen, die man schwerlich mit diesem in Einklang bringen konnte. Davon zeugen spätere Auftritte Vittorio de Sicas als Schauspieler im Genre- und Unterhaltungskino, davon zeugt Fellinis Filmkarriere, davon zeugt noch viel mehr das Schaffen von Carlo Lizzani, das sich vom Neorealismus bis zur Expolitation erstreckte. Sucht man nach einem Film, in dem sich diese Entwicklung kristallisiert – die weniger überrascht, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass einer der frühesten Klassiker des Neorealismus auf einem Kriminalroman von James M. Cain fußt –, so wäre es ohne Zweifel der am 7. September 1949 uraufgeführte (und unter anderem von Lizzani geschriebene) "Riso Amaro" von Giuseppe De Santis, der hier den Arbeitsalltag auf den Reisfeldern und klassenkämpflerische Bestrebungen in den Blick nimmt, dabei allerdings auch Motive des Gangsterfilm aufgreift und Silvana Mangano reizvoll in Szene setzt, die üppige Oberweite, Füße, Waden, Schenkel und Gesäß durchaus auch als attraktive Blickfänger einsetzt oder zumindest duldet: vielfach auch bei ihren Kolleginnen, die in etlichen Szenen mit gerafften Röcken Reis säen. Es ist die Geschichte von Diebstahl und Liebschaft: Francesca, die Freundin des Kriminellen Walter, soll sich mit dessen Beute unter den Feldarbeiterinnen verstecken, unter denen Silvana (Mangano) von einer besseren Zukunft träumt. Und während sich Francesca in einen Offizier verliebt und sich mit den Arbeiterinnen zu identifizieren versteht, ist Silvana bereit, für ihre Ziele mit dem kriminellen Walter zu kooperieren, worunter ihre unter den ohnehin schlechten Arbeitsbedingungen ächzenden Leidensgenossinnen noch zusätzlich leiden würden. Die Konfrontation und Lösung findet dann schließlich in einem Schlachthaus statt, wo Fleisch als Ware erscheint: metaphorisches, weniger (neo)realistisches Kino, das hiermit neben Georges Franjus "Le Sang des bêtes" (1949) zu den frühen Bezugspunkten eines politisierten Essay-, Agitations- und Spielfilms gehört, welches das Schlachthausmotiv gerade in den 60er- und 70er-Jahren politisiert für eigene Zwecke einsetzte.
Mehr über Handlung und Hintergründe verrät das Review von Bretzelburger



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