Satanico Pandemonium (1975)
Wenige Tage vor den Olympischen Sommerspielen Ende Oktober 1968 ließ das Batallón Olimpia beim Massaker von Tlatelolco in eine riesige Menge friedlicher Demonstranten feuern. Ein Staatsverbrechen, wie die mexikanische Regierung im September 2018, beinahe 50 Jahre später, verlauten ließ und sich um Entschädigungen bemühte. Die Olympiade ließ sich davon als Olympiade des Friedens nicht beeindrucken. Und auch die Kirche machte gute Miene zum bösen Spiel; mehr noch: machte sich regelrecht schuldig. Denn von den Flüchtenden und auf dem Kirchengelände zusammengetriebenen Überlebenden hatten einige durchaus Hilfe erfleht. Die Pforten der Kirche blieben indes für sie versperrt. Und das Militär durfte auch vom Kirchdach aus sein Massaker begehen. Entsprechend belastet war der Blick auf die Kirche, in erster Linie freilich bei den säkularisierteren Mexikaner(inne)n. Und als vor allem mit Ken Russells "The Devils" (1971) eine Welle sogenannter nunsploitation über das vor allem europäische Kinos schwappte, lag es im exploitation-affineren Filmsektor in Mexiko freilich nahe, auf den Zug aufzuspringen. Vor allem der Umstand, dass der als antiklerikal berüchtigte Exil-Spanier Luis Buñuel – der seit Jahren mit einer Verfilmung von Matthew Gregory Lewis' gothic novel "The Monk" (1796) liebäugelte – ein Drehbuch mitverfasste, nach welchem Ado Kyrou dann "Le moine" (1972) drehte, dürfte nochmals als Katalysator gewirkt haben: Letztlich wurden solche Pläne an Gilberto Martínez Solares herangetragen, der wie Buñuel zu den Filmschaffenden der Goldenen Ära des mexikanischen Films gehörte und ab den 60er-Jahren zunehmend mit grellen, leicht exploitativen Genrestoffen auffiel. Herausgekommen ist der am 26. Juni 1975 uraufgeführte "Satanico Pandemonium", der durchaus zu den ambitionierten Werke aus der nunsploitation-Ecke gehört, wenngleich das Kokettieren mit Sexualität und Gewalt kommerziell und genüsslich zelebriert wird. Aber es ist eben auch ein Film, der ein mehrdeutig deutbares Pandämonium, das eine Nonne zwischen christlicher Prägung und sündigen Trieben aufreibt: Schwester Maria verfällt entweder dem Einfluss des diabolischen Verführers Luzbel oder trägt auf dem Sterbebett in ihrer Fantasie den Zwist zwischen Begierde und religiöser Sittenstränge aus, wobei sexuelle Betätigungen – real oder imaginiert – inmitten solchen Zwists meist gewalttätigen Exzessen vorausgehen. Der formal solide, mit Ironie recht symbolisch in Szene gesetzte und in seiner Dramaturgie recht geschickte Film war nicht grundlos 20 Jahre später von Quentin Tarantino herangezogen worden, als er am Buch für Robert Rodriguez' "From Dusk Till Dawn" (1996) schrieb: Der gute Ruf des Films ist heute, in Zeiten besserer Verfügbarkeit, noch angewachsen.
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