Sanatorium pod klepsydra (1973)
Wenn ein Film mit einer Szene beginnt, in der jüdische Passagiere (erkennbar an Schläfenlocken, Kippas und schwarzen Trachten) apathisch und erschöpft in einem Eisenbahnwaggon unterwegs sind, stellen sich beim heutigen Zuschauer unweigerlich Holocaust-Assoziationen ein. Diese wollte der Regisseur Wojciech Haas zweifellos auch erzeugen, doch sie erweisen sich als falsche Fährte. Vielmehr ist „Sanatorium pod Klepsydra“, der am 24. Mai 1973 in Cannes uraufgeführt wurde, die gewagte Verfilmung einer verschlungenen Reise in die ganz persönlichen Erinnerungen von Bruno Schulz, eines wenig bekannten deutsch-polnischen Autoren aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Wojciech Has hatte sich einige Jahre zuvor schon erfolgreich mit „Rekopis znaleziony w Saragossie“ (1965, Anniversary-Text) an einen überbordend-fantastischen literarischen Stoff seines Heimatlandes gewagt. Mit der Wahl der Erzählungen von Bruno Schulz (1892–1942) geht Has zwar nicht ganz so weit in der Historie zurück, doch dem (polnischen) Kinopublikum der 1970er Jahre mußte das ostjüdische Schtetl der letzten Jahrhundertwende ebenso fern sein wie die Welt des spanischen Adels vor 300 Jahren. Überdies sind Schulz‘ Texte keine „leichte Kost“, sie sind stark autobiographisch geprägt, sprachlich komplex und bewegen sich in ganz eigenen, mitunter schwer zugänglichen Bild- und Gedankenräumen. Doch Has, Szenenbildner Andrzej Halinski, Kameramann Witold Sobocinski und Komponist Jerzy Maksymiuk (allesamt handwerkliche Koryphäen mit eindrucksvollen Filmographien) erschaffen in „Sanatorium pod Klepsydra“ eine beeindruckend vielgestaltige Fantasiewelt, die immer wieder mit unerwarteten Ton- und Szenenwechseln aufwartet. Innerhalb dieser Welt taumelt die Hauptfigur Józef (Jan Nowicki) durch seine Kindheitserinnerungen, pubertären Gelüste, altklugen Weltansichten und tiefsitzenden Ängste, unentwegt auf der Suche nach seinem ihm ständig entgleitenden Vater (Tadeusz Kondrat) – ein wenig erinnert diese Reise an die von Alice im Wunderland, aber auch Dantes "Göttliche Komödie" klingt an sowie zahlreiche spezifisch jüdische Motive. Es überrascht, daß die Filmemacher trotz des alptraumhaft-fantastischen Sujets auf jegliche Art von Spezialeffekten verzichten: allein vermittels des Produktionsdesigns, der Kostüme, der extremen Weitwinkelfotografie und des Filmschnitts bzw. aufwendiger Kamerafahrten gewinnt der Film seine eigene visuelle Handschrift, die mit den beinahe pausenlos sprudelnden Schulz’schen Sprachfontänen korrespondiert. Bei all den teils unübersichtlichen und verwirrenden Handlungssprüngen und Wortkaskaden ist „Sanatorium“ jedoch vor allem ein Stück Trauerarbeit über den Verlust eines geliebten Menschen. Die zugrundeliegende Melancholie und Hilflosigkeit gegenüber Tod des Vaters kommt vor allem im letzten Filmdrittel zum Tragen und steht zur vorangegangenen Hektik im wirksamen Kontrast.
Leider ist „Sanatorium pod Klepsydra“ zur Zeit bei uns nicht erhältlich, es bleibt zu hoffen, daß sich ein Nischenlabel dieses beeindruckenden Filmkunstwerks annimmt (die osteuropäische Filmgeschichte erfährt in der letzten Zeit immer mehr Aufmerksamkeit). Bis dahin ist der geneigte Filmfreund auf englisch untertitelte Veröffentlichungen aus Polen (Fassungseintrag) oder Großbritannien (Fassungseintrag) angewiesen. Die umfangreiche und versierte Kritik von PierrotLeFou sollte keine Fragen offen lassen, für einen kurzen Überblick steht die Inhaltsangabe bereit.
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