Jaws (1975)
Alle kennen es, wenn es erklingt, alle wissen sofort, worum es geht, auch wenn sie den Film noch nicht gesehen haben sollten – John Williams' zweitöniges Ostinato, das die Präsenz einer Killermaschine aus den Tiefen des Meeres ankündigt. Die Rede ist natürlich vom Soundtrack von "Jaws" – in Deutschland besser bekannt als "Der Weiße Hai".
Es hatte bis 1975 natürlich schon sehr erfolgreiche Kinospektakel gegeben – man denke etwa an Alfred Hitchcock und seinen einflussreichen "Der unsichtbare Dritte" –, aber mit diesem Film ward der Begriff Blockbuster geboren. Nach einer enorm kostenaufwendigen Werbekampagne vor allem mit im Fernsehen geschalteten Clips entfachte der am 20. Juni 1975 uraufgeführte "Jaws" einen nie dagewesenen Hype, der auch dank der bis dahin unüblichen Entscheidung, in über 400 Kinos gleichzeitig anzulaufen, den Film zum bis dato erfolgreichsten Kassenschlager aller Zeiten machte. Er nahm eine halbe Milliarde US-Dollar ein und änderte das Kino von Grund auf. Dem Erfolg von "Jaws" haben wir die heutige Höher-Schneller-Weiter-Popcorn-Mentalität zu verdanken, die die Sturm-und-Drang-Phase junger Filmemacher des New Hollywood erstickte, weil laute Action dann für viele Leute doch ein lohnenswerterer Grund war, ins Kino zu gehen, als anspruchsvolle Nachdenk-Werke. Fluch oder Segen? Das möge jeder für sich selbst entscheiden.
Wenn heutzutage von Blockbustern die Rede ist, fällt oft das Wort "seelenlos". Steven Spielbergs "Jaws" aber kann man das beileibe nicht unterstellen: Das auf dem Papier schlichte Handlungsgerüst vom Weißen Hai, der in der Bucht eines Badeortes erst eine Schwimmerin und kurz darauf auch noch einen Jungen tötet und somit droht, die Sommersaison zu zerstören, weshalb Jagd auf ihn gemacht werden muss, nutzte der damalige Endzwanziger Spielberg für das Musterbeispiel perfekten Spannungskinos, ohne dabei die leisen Momente außer Acht zu lassen. In der ersten Hälfte hält sich die Kamera viel bei Hauptfigur Brody, dem Polizeichef der Insel Amity, auf und gewährt unglaublich authentische Einblicke nicht nur in sein Familienleben, sondern auch in sein Innerstes, sieht er sich doch ständig dem sturen Bürgermeister gegenüber, der das Geld über das Wohl der Badegäste stellt und jedes noch so gute Argument für ein Schließen der Strände abschmettert. Selbst in diesen leisen Momenten schafft Spielberg bereits erinnerungswürdige Szenen und Dialoge – etwas, das viele Nachahmer, die ihr Stück vom Erfolgskuchen von "Jaws" in den darauffolgenden Jahren und Jahrzehnten abhaben wollten, nicht einmal ansatzweise so hinbekommen sollten.
Gleichzeitig wirbelt Spielberg erzählerisch die Konventionen durcheinander, wenn er sich in der letzten Stunde vom Festland dauerhaft aufs Wasser verlagert und ein Drei-Personen-Stück kreiert, das nicht nur vom immer wieder auftauchenden Hai, sondern auch von der Dynamik der sehr unterschiedlichen Charaktere lebt: dem verantwortungsbewussten Brody, dem energischen Meeresbiologen Hooper und dem erfahrenen Haijäger Quint, dessen Fanatismus, die Bestie zu erlegen, den Männern immer wieder neue Probleme beschert. Es beginnt quasi in der Mitte der Handlung noch einmal ein komplett neuer Film.
Die Klaviatur des Suspense, des Schreckens und des Terrors beherrscht Spielberg wie ein alter Profi: Der Hai wird lange Zeit überhaupt nicht gezeigt. So gehen den ersten beiden Angriffen Point-of-View-Kamerafahrten unterhalb der Wasseroberfläche mitsamt besagter unheilvoller Musik voraus. Danach wird er Schritt für Schritt enthüllt: zunächst nur in Form eines treibendes Stücks Holzsteg, das er mit sich zieht, immer wieder als Haifinne und dann schemenhaft aus der Vogelperspektive. Erst beim in der Folge immer aussichtsloser werdenden Kampf der drei Männer auf ihrem Boot werden einige deutliche Einstellungen des Riesenhais gewährt, vor allem dann im von der Spannung her nicht mehr steigerbaren Finale, das dann nur noch Highlightszene an Highlightszene reiht.
Spielberg und seinem Filmteam ist mit "Jaws" ein Meisterwerk für die Ewigkeit gelungen, das zugleich die nicht einmal mittelmäßige Vorlage von Peter Benchley qualitativ um ein Vielfaches übertrifft und umso bemerkenswerter ist, weil die Entstehungsgeschichte des Films mit all seinen Problemen (schlechte Wetterlage, technische Probleme mit dem Hai, unzufriedene Darsteller – es gibt viele Dokumentationen dazu) eine einzige Katastrophe war. Unter diesen Gesichtspunkten ist es für mich vielleicht nicht unfassbar, dass es diesen Film gibt – aber unfassbar, dass es ihn in dieser Form gibt.
Registrieren/Einloggen im User-Center