Ben-Hur (1925)
Es ist schon etwas länger her, daß ein Bibelfilm erfolgreich in den Mainstreamkinos gelaufen ist, zuletzt hat wohl Mel Gibsons berüchtigter „The Passion of the Christ“ (2004) in diesem speziellen Genre für Aufmerksamkeit gesorgt. Dabei war es schon zu Stummfilmzeiten Tradition in Hollywood, zur Weihnachtszeit das Religiöse mit dem Unterhaltsamen aufwendig zu verbinden. Daß diese Kombination finanziell sehr einträglich sein konnte, hatte „The Ten Commandments“ von 1923 (Anniversary-Text) bewiesen, und so begannen im gleichen Jahr die Dreharbeiten zu „Ben-Hur“, der schließlich am 30. Dezember 1925 Premiere feierte.
Im Gedächtnis des Publikums wird wie bei „The Ten Commandments“ auch im Falle von „Ben-Hur“ der 20er-Jahre-Stummfilm von einer monumentalen 50er-Jahre-Falbfilmversion überstrahlt. Doch es gibt bei „Ben-Hur“ neben der gemeinsamen Romanvorlage, dem Bestseller gleichen Titels von Lew Wallace, noch ein weiteres verbindendes Element: William Wyler, 1925 noch einer der vielen Assistenten unter Regisseur Fred Niblo, saß für die Neuverfilmung mit Charlton Heston 1959 dann selbst im Regiestuhl (und übernahm auch etliche Kameraeinstellungen sowie den Kniff, das Gesicht von Jesus Christus nie zu zeigen). Doch bis dahin hatte Niblos „Ben-Hur“ allerhand Rekorde und Superlative aufzubieten, wie etwa die exzessiven Produktionskosten, die ausgewählten Szenen in Two-Strip-Technicolor oder die Unmengen gefilmter Meter und Schnitte in der Wagenrennen-Szene. Natürlich beeindrucken zudem die Größe der Kulissen und die Anzahl der Statisten – unter denen sich Gerüchten zufolge viele zukünftige Hollywood-Stars befinden. Abgesehen von diesen sichtbaren materiellen und technischen Aufwänden (auch die Seeschlacht soll nicht unerwähnt bleiben) hält sich „Ben-Hur“ für heutige Sehgewohnheiten erstaunlich gut: die Hauptdarsteller Ramon Novarro und Francis X. Bushman bilden ein energiegeladenes Kontrahentenpaar, die religiösen Aspekte betten sich organisch in den abenteuerlichen Plot ein, vor allem aber sorgen zügig getaktete Szenenwechsel mit wenigen, konzise formulierten Zwischentiteln dafür, daß die stattliche Laufzeit von zweieinhalb Stunden keine dramaturgischen Längen aufweist.
Da sich „Ben-Hur“ heute in der Public Domain befindet, muß die letzte Restaurierung selbst schon als historisch bezeichnet werden: 1988, nachdem die inzwischen verloren geglaubten Technicolor-Szenen im Tschechischen Nationalen Filminstitut wiedergefunden wurden, entstand die erste und bislang letzte Fassung für eine TV-Ausstrahlung bzw. den Heimkinomarkt, sie ist in der Collector's Edition der 1959er Verfilmung enthalten (Fassungseintrag). Diese Restaurierung wird von der Orchestermusik des renommierten Stummfilm-Komponisten Carl Davis untermalt, da die Originalmusik von William Axt und David Mendoza freimütig im Motivbestand religiöser Opern des 19. Jahrhunderts wildert und überdies nur unvollständig erhalten ist. Davis‘ Musik indessen, eingespielt vom London Philharmonic Orchestra, wird „Ben-Hur“ sowohl in seinen actiongeladenen als auch in den besinnlichen Szenen vollends gerecht und zitiert seinerseits das „Dresdner Amen“, das dem Hörer aus Werken von Mendelssohn, Wagner und Bruckner vertraut sein dürfte.
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