15. Mai 2020

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von PierrotLeFou

Vor 50 Jahren: Agitations-Spielfilm aus dem Untergrund

Ice (1970)

Als in den Jahren um 1968 hierzulande nach engagierten Vorstößen von Persönlichkeiten wie Fritz Bauer oder Thomas Harlan in den 50er Jahren eine ernstliche Aufarbeitung des Nationalsozialismus durch eine neue Generation von Nachgeborenen begonnen hatte, da setzte sich – auch anderswo – die Annahme durch, dass Entwicklungen wie in Nazi-Deutschland auch anderswo und zu anderer Zeit durchaus möglich sind. In britischen Filmen wie "It Happened Here" (1964) von Kevin Brownlow und Andrew Mollo oder "Privilege" (1967) von Peter Watkins klingt das ebenso an wie es auch in den USA – angesichts der American Nazi Party und der im Rahmen des Vietnamkrieges hinterfragten Politik – in Filmen wie "The California Reich" (1975) thematisiert wird. In diesem Kontext kann man auch den im Mai 1970 uraufgeführten "Ice" sehen, den der junge Schauspieler und Dokumentarist Robert Kramer ("Berlin 10/90" (1990)) zu Beginn seiner Regiekarriere drehte, nachdem er unter anderem mit seinem Newsreel-Kollektiv "People's War" (1970) über Einwohner in Nordvietnam gedreht hatte. In dem auch von ihm gegründeten Kollektiv legte sich Kramer eine Underground-Ästhetik zu und festigte seine linksintellektuellen Agitprop-Vorlieben.
Im 130minütigen "Ice" zeichnet er eine Dystopie, in der die – durchaus an die Gegenwart erinnernden – USA als faschistoider Polizeistaat erscheinen, der Krieg gegen Mexiko führt, derweil linke Revolutionäre über linke Agitprop-Möglichkeiten diskutieren und Anschläge durchführen und von der Polizei nicht unbedingt bloß verhaftet, sondern auch gefoltert und – in der berüchtigsten Szene des Films – kastriert werden. Mit dieser Entmachtung durch Entmännlichkeit geht Kramer indirekt auch auf die Rolle der Frau in der '68er-Bewegung ein, die er an anderen Stellen direkter thematisiert. Damit scheint Kramer seiner Zeit rückblickend etwas voraus gewesen zu sein, derweil die Dystopie im Großen und Ganzen doch auch an tendenziöser Überspitzung leidet und wie die zeitgenössischen, grimmigen Satiren eines Peter Watkins skeptische ZuschauerInnen (insbesondere heutzutage) kaum wird abholen können. Hierzulande wurde der Film, sofern er überhaupt besprochen worden ist, angesichts der 1970 gegründeten RAF auch kritisch beäugt: In ihrem (durchaus streitbaren) Lexikon des Science Fiction Films sahen Ronald M. Hahn und Volker Jansen einen gefährlichen Film in "Ice" (und nicht etwa einen Film, der vor einer Gefahr zu warnen versucht). Ähnliches sollte sich später bei "Notre Nazi" (1984) wiederholen, in dem Kramer die Dreharbeiten von Thomas Harlans fiktionalem Essayfilm "Wundkanal" (1984) dokumentierte, in dem die Selbstmorde der RAF-Inhaftierten als möglicherweise manipuliert präsentiert werden: Als die Stimmung von Harlans Team gegenüber dem ehemaligen SS-Obersturmbannführer Alfred Filbert kippt und es zum Handgemenge kommt, sahen sich einige Kritiker veranlasst, (auch) in Harlan einen Täter zu sehen – und nicht (allein) in Filbert. (Eine Sichtweise, die auch Harlan selbst ansprach.) Bis zu seinem Tod mit 60 Jahren im Jahr 1999 blieb Kramer vor allem als provozierender Essay- und Dokumentarfilmer höchst aktiv, konnte die ganz große Bekanntheit allerdings nie erlangen und ist nach seinem Tod zudem weitgehend in Vergessenheit geraten.

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