15. Juni 2018

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von PierrotLeFou

Vor 50 Jahren: Bogdanovichs erster eigener Spielfilm und die neue Form des Horrorfilms

Targets (1968)

Byron Orlok... Irgendwo zwischen Lord Byron und Graf Orlock wäre dieser Name anzusiedeln, dessen Klang assoziativ auf den Vampirismus verweist. Ein passender Name für einen Star des Horrorfilms. Kein anderer als Boris Karloff verkörpert diese fiktive Ikone des Horrorfilms in Bogdanovichs – im Juni 1968 uraufgeführtem – "Targets"... und trägt natürlich die lange Tradition des gothic horrors in den Film hinein, mit der Karloff eng verbunden war (wenngleich über Mary W. Shelley und ihren Frankenstein). Das geschieht mit einer ordentlichen Portion Witz, die man vielleicht eher mit dem späteren postmodernen Film verbinden sollte, die aber eng verbunden ist mit dem selbstreflexiven Spiel mit Fiktion und Dokumentation, mit Lüge und Wahrheit, welches vom Kino der späten 60er Jahre zu spielen begonnen worden war. (Zum Beispiel in "Otto e mezzo" (1963), "I tre volti della paura" (1963), "Pierrot le fou" (1965), "Blowup" (1966), "Trans-Europ-Express" (1966), "La chinoise" (1967), "2 ou 3 choses que je sais d'elle" (1967), "Die Artisten in der Zirkuskuppel: Ratlos" (1968), "On Her Majesty's Secret Service" (1969)... im Grunde wurzelt ja auch die filmische Postmoderne in dieser Entwicklung der 60er Jahre.)
Dieser ironische Witz setzt etwa ein, wenn sich Orloks Regisseur erschreckt, als er morgens nach durchzechter Nacht neben dem Horrorstar erwacht, und Orlok selbst bloß kurze Zeit später angesichts des eigenen Spiegelbildes erschreckt. Der sinistre alte Mann, der Jahrzehnte des gothic horrors geprägt hat, ist in "Targets" eher für eine Mischung aus wohligem Grusel und spaßigem Witz verantwortlich – und gothic horror erscheint 1968 eher als eine Vergnügung im Stile der Geisterbahn. Den wahren Schrecken verbreitet in "Targets" eine ganz andere Figur: der zurückhaltende, unscheinbare Bobby Thompson, der regelmäßig mit dem Vater Schießübungen durchführt, sich reichhaltig mit Waffen eingedeckt hat, in Vietnam oder Korea war und in letzter Zeit immer ungesündere Gedanken in sich aufwallen spürt. Doch im Kreis der Familie, die ihre Aufmerksamkeit vor allem auf eigene Berufstätigkeiten und TV-Sendungen richtet, gehen Vorzeichen einer Katastrophe völlig unter. Der völlig grundlose Amoklauf, der folgen wird, erscheint gerade deshalb in seiner Motivation halbwegs nachvollziehbar – wie wenig später in Fassbinders "Warum läuft Herr R. Amok?" (1970).
Und so laufen zwei Stränge nebeneinander her: Die Geschichte des alternden Horrorfilmstars, der sich als Anachronismus begreift und vom Geschäft zurückziehen will, aber zumindest noch überredet werden kann, der Premiere seines jüngsten Films ("The Terror" (1963)) im Autokino beizuwohnen; und die Geschichte des ganz normalen Mannes aus ganz normalem Milieu, der so ganz ohne Begründung gewaltsam aus seinem banalen Alltag flieht und Amokläufer wird. Im Autokino, in welchem Thompson ein Massaker anzurichten gedenkt, kreuzen sich dann – nach einer flüchtigen ersten Begegnung gleich zu Beginn – die Wege.
Der Film, der im Grunde schon vieles von Bigas Lunas "Angustia" (1987) vorwegnimmt, fasst explizit zusammen, was sich in den Genreklassikern seines Jahrgangs implizit zeigt: in Polanskis Levin-Verfilmung, in Romeros erstem Zombiefilm, in Reeves historischem Wahn- & Rache-Drama. Der Horrorfilm hatte ein neues Gesicht bekommen - und nicht mehr die monströsen Halbwesen des gothic horrors gaben vornehmlich die Bedrohung ab, sondern die Gesellschaft selbst, die sich von innen heraus zu zerfressen beginnt. "Targets" ist mehr als bloßer Horrorfilm vor allem auch die Reflexion über den Horrorfilm – und eine Reaktion auf den Fall Charles Whitman. Ein Ausdruck gesellschaftlicher Veränderungen, die 1968 auch auf der Leinwand wirken.
Und natürlich ist es auch Bogdanovichs erster eigener Spielfilm. Nachdem Bogdanovich 1966 Regieassistent und Schauspieler bei Roger Cormans "The Wild Angels" (1966) war, lieferte er 1967 einen Howard-Hawks-Interviewfilm fürs Fernsehen ab, als ihm Corman schließlich zwei Projekte ermöglichte: "Voyage to the Planet of Prehistoric Women" (1968), Bogdanovichs Überarbeitung des russischen "Nebo zovyot" (1959), und einen Film, an welchem Karloff mitwirken sollte, der Corman noch zwei Tage Dreharbeiten schuldete. Den hätte Bogdanovich dann mit Material aus Cormans Schnellschuss "The Terror" (1963) anreichern können – was dann ja auch geschehen ist, wenngleich auf recht ungewöhnliche Weise. Für Karloff war dies hingegen ein Alterswerk – und vielleicht sein einzig guter Film seit Mitte der 60er Jahre: das dürfte er selbst ähnlich gesehen haben, spielte er doch drei zusätzliche Tage gratis für Bogdanovichs Film. 1969 erlag er einem Lungenemphysem – wofür gelegentlich die Dreharbeiten im kalten Nass in "The Terror" verantwortlich gemacht werden.
Mehr? Review von Schergenbjørn

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