Shirins Hochzeit (1976)
Helmut Birkenfeld gab 1982 im Verlag C. H. Beck den Band "Gastarbeiterkinder aus der Türkei. Zwischen Eingliederung und Rückkehr" heraus. Günter Wallraff schlüpfte im Folgejahr in die Rolle eines türkischen Gastarbeiters und veröffentlichte seine Undercover-Beobachtungen bald darauf in "Ganz unten" (1985). Auch die Filmwelt reagiert in den 80er-Jahren auf den Diskurs über die Lage vornehmlich türkischer Gastarbeiter(innen) und ihrer Familien in Deutschland: Hark Bohm (weniger problemorientiert) in "Yasemin" (1988), Jeanine Meerapfel im bemerkenswerten "Die Kümmeltürkin geht" (1985) und Sohrab Shahid Saless in seinem "Empfänger unbekannt" (1983), in dem sich auch eine linksorientierte Filmkritik merklich zurück hielt, als er die türkischen Gastarbeiter(innen) mit den Juden im "Dritten Reich" verglich. In den 80er Jahren hatte dieses Thema merklich an Fahrt aufgenommen, verursacht durch den 1980er Militärputsch in der Türkei, den Anstieg des Familiennachzugs in der zweiten Hälfte der 70er Jahre sowie den Anstieg diskriminierender Anfeindungen. In den 70er Jahren war das Thema keinesfalls ein Nischenthema, aber doch merklich seltener Gegenstand von Buchveröffentlichungen, Spiel- und Dokumentarfilmen. Zu den frühen Klassikern des Spielfilms zum Thema zählt neben Saless' "In der Fremde" (1975), der seinerseits nicht unproblematisch neben all seinen Vorzügen auch Stereotype über türkische Gastarbeiter bedient, vor allem Helma Sanders-Brahms' "Shirins Hochzeit": Der Titel des am 20. Januar 1976 uraufgeführten Dramas wirkt leicht ironisch, wenn man die doppelte Bedeutung einer Hochzeit im Hinterkopf behält, denn das Schicksal der von Ayten Erten verkörperten Titelfigur, die nach Deutschland flieht, um einer Eheschließung gegen ihren Willen zu entgehen und dem eigentlich versprochenen Geliebten nachzufolgen, führt letztlich zu den Tief- und Schlusspunkten ihres kurzen Lebens. Die Bedingungen des Gastarbeiterdaseins, die rassistische Diskriminierung, aber auch die sexistische Diskriminierung – in der Heimat wie auch in der Fremde, wo sie in prekärer Lage letztlich an einen Zuhälter (Jürgen Prochnow) gerät, um den gesuchten Geliebten in der Prostituiertenrolle zu treffen – bilden die Stationen eines Niedergangs, der mit Erschießung – hinterrücks – enden wird. Für Erten, die laut Sanders-Brahms entscheidende Impulse für die letztliche Form des Stoffes gab, war der mehrfach ausgezeichnete "Shirins Hochzeit" ein zweifelhafter Erfolg: Die Aufmerksamkeit, der der Film erregte, brachte ihr auch Proteste und Drohungen nationalistischer Stimmen aus der Türkei an, die mit dem in "Shirins Hochzeit" gezeichneten Bild alles andere als einverstanden waren. Erst in den 90er Jahren konnte sie ihre fast zur Gänze ins Stocken geratene Schauspielkarriere (in der Türkei) wieder erfolgreich vorantreiben.
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