31. Oktober 2017

Beitrag

von PierrotLeFou

Vor 50 Jahren: Zauberhafte Gogol-Verfilmung

Viy or Spirit of Evil (1967)

Weltruhm erlangte Gogol vor allem mit seinem Roman "Myórtvyjye dúshi" (1842, Die toten Seelen) und der satirischen Erzählung "Shinel" (1842, Der Mantel). Doch Liebhaber der phantastischen Literatur schätzen ihn vor allem als russisches Pendant zu E. T. A. Hoffmann... und seine beliebteste unheimliche Geschichte dürfte zweifelsohne "Viy" (1835, Der Wij) sein. Die Geschichte eines jungen Studenten, dem auf einer Reise eine alte Vettel als Aufhuckerin auf seinen Rücken springt bis er sie abschütteln kann, um jedoch bei der dabei tödlich verunglückenden Hexe später drei unheilvolle Totenwachen abhalten zu müssen, ist mehrfach verfilmt worden: Einmal recht unscheinbar als "Sveto mesto" (1990) unter der Regie des Jugoslawen Djordje Kadijevic (dessen Vampirfilm "Leptirica" (1973) inzwischen auch außerhalb der Landresgrenzen seine Fans gefunden hat). Und einmal als pompöses Fantasystück, welches zum 200. Geburtstag des Schriftstellers erscheinen sollte: doch der schon 2006 begonnene "Viy. Vozvrashchenie" (2014) kam erst mit fünfjähriger Verzögerung heraus - und die uninspirierte Regie und das nicht unbedingt durch Vorlagentreue bestechende Drehbuch haben daraus eher eine herbe Enttäuschung für Gogol-Liebhaber werden lassen. Der Film stellt eher den Versuch eines großen russischen Genrefilms dar: ein millionenschweres Prestigeprojekt, mit welchem man russische Kultur & Größe feiern wollte. Eher unbedeutend wurde die Geschichte auch noch als ukrainischer TV-Zeichentrick-Kurzfilm "Viy" (1996) umgesetzt: recht vorlagengetreu und durchaus irgendwie charmant. "Vedma" (2006), eine sehr freie Verfilmung aus Russland, ist von miserabler Qualität und der südkoreanische Horrorfilm "Manyeoui kwan" (2008), der ebenfalls auf Gogols Geschichte basieren soll, ist in westlichen Gefilden vollkommen unbekannt geblieben. Fast könnte man meinen, dass Gogols kurze Geschichte keinen geeigneten Stoff für Langspielfilme hergeben würde. Doch die 60er Jahre beweisen das Gegenteil.

Bekanntermaßen gilt Gogols Erzählung als Inspirationsquelle für Mario Bavas "La maschera del demonio" (1960), der nichts weniger als einen Donnerschlag im Genre darstellte. Indes: die Anleihen bei Gogols Erzählung lassen sich nur mit reichlich gutem Willen überhaupt irgendwie ausmachen... Aber dann gibt es ja noch "Viy" (1967) von Georgi Kropachyov und Konstantin Yershov, die hiermit ihr Regiedebüt abgeliefert haben. Kropachyov ist eher als production designer - etwa der letzten zwei Filme Aleksey Germans - bekannt, wohingegen Yershov noch mehrere Regiearbeiten nachgeschoben hat, von denen hierzulande aber am ehesten noch der eigenwillige Märchenfilm "Stepanova pamyatka (1977, Stephans Vermächtnis) bekannt geworden ist. Und märchenhaft mutet auch "Viy" an, der am 27. November seinen 50. Jahrestag feiern kann: Der Ausritt der alten Hexe ist von einer bezaubernden Künstlichkeit, die irgendwo zwischen Bava, Fellini und dem jüngeren Tim Burton liegt; süßlich ergießt sich darüber der Soundtrack von Karen Khachaturyan und steigert den Charme dieser Szene noch gehörig. Und natürlich trumpft der Filme vor allem während der Totenwachen voll auf: kindgerecht, aber dennoch wohlig gruselig lässt der Film eine ganze Flut unheimlicher Kreaturen über den armen Protagonisten herfallen, derweil die unheimliche Alte in ihrer zweiten Erscheinungsform einer jungen, schönen Frau sowohl bezaubernd & verführerisch, als auch rachsüchtig & bedrohlich wirkt. Irgendwo zwischen 60er Jahre gothic horror und russischem Märchenfilm anzusiedeln, kann sich "Viy" gegenüber den wichtigsten Konkurrenten aus beiden Gebieten bestens behaupten. Der geringe Bekanntheitsgrad in Deutschland ist daher eine echte Schande - liegt doch der Film deutsch untertitelt bei RUSCICO vor: Fassungseintrag von eltopo.

Details
Ähnliche Filme