21. September 2018

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von ratz

Vor 75 Jahren: Clouzot seziert die französische Kleinstadt

Le Corbeau (1943)

Zwei vordergründig unpolitische Filme hatte Henri-George Clouzot im besetzten Frankreich der 40er Jahre für die deutsche Continental-Filmgesellschaft gemacht – genug, um ihn nach Kriegsende wegen Kollaboration mit einem lebenslangen Berufsverbot zu belegen (das zwei Jahre später auf Betreiben von Freunden und Kollegen wieder aufgehoben wurde). Während „L‘assassin habite au 21“ (1942, Anniversary-Text) als leichtfüßige Kriminalkomödie daherkam, schlägt „Le Corbeau“, der am 28. September 1943 in die französischen Kinos kam, einen wesentlich düstereren Ton an. Zu unvorteilhaft und zu amoralisch werde das französische Volk hier dargestellt, befand die Nachkriegs-Kulturpolitik, die den Film erst 1969 wieder offiziell zuließ.

Und wirklich fällt in dem auf wahren Ereignissen beruhenden Filmplot von „Le Corbeau“ ein nur wenig günstiges Licht auf die Gemeinde in einer kleinen namenlosen Stadt, die durch die zahllosen aufhetzenden Briefe eines unbekannten Absenders aufgewühlt wird, der sich nur „Der Rabe“ nennt. Mißtrauen, Vorurteile, Verrat und beinahe Lynchjustiz machen sich breit, doch aus der heutigen historischen Distanz fällt es nicht schwer, darin nichts weniger als die Parallelen zum dumpfen Denunziantentum im Vichy-Frankreich während der Besatzung durch die Deutschen zu erkennen. Auch als Satire auf die Scheinheiligkeit der bürgerlichen Gesellschaft und besonders ihrer Führungspersonen kann „Le Corbeau“ gesehen werden, und ganz beiläufig offenbaren die in sardonischem Humor getränkten Dialoge teils erstaunlich fortschrittliche Perspektiven etwa auf uneheliche Liebesverhältnisse oder die sexuelle Selbstbestimmtheit der Frau. Jede der drei Hauptfiguren, der Arzt Germain (Pierre Fresnay), die frustrierte Ehefrau Denise (Ginette Leclerc) und der Psychiatrieprofessor Vorzet (Pierre Larquey), offenbart im Laufe des Films unerwartete, verborgene Seiten ihrer Persönlichkeit, die sie zu Außenseitern im nur äußerlich geordneten und katholisch-züchtigen Kleinstadtleben machen. Das sarkastische Sittengemälde wird vom Kameramann Nicolas Hayer, der später auch für Melville und Cocteau arbeitete, mit kontraststarken, an den Film Noir gemahnenden Bildern ausgeschmückt, die das Zwielichtige der Charaktere durch beeindruckende Schattenspiele betonen.

Inzwischen hat „Le Corbeau“ längst den ihm gebührenden Status erlangt, denn er markiert, ganz abgesehen von seiner handwerklichen Qualität, einen Fixpunkt in gleich drei Traditionen: in den Anfängen des Film Noir, im französischen hintergründig-bissigen Krimi (in dessen Reihe sich als bekanntester Vertreter Claude Chabrol eingereiht hat) sowie als Akt der subtilen Kritik an einem die Kunst zensierenden, diktatorischen Regime. In der neuesten digitalen Restaurierung ist „Le Corbeau“ in Deutschland nur in der 4-DVD-Box „Henri-Georges Clouzot Edition“ (Fassungseintrag) erhältlich, in Frankreich und Großbritannien allerdings auch als Blu-ray von StudioCanal.

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