India Song (1975)
Marguerite Duras gehörte wie Alain Robbe-Grillet zu jenen Autor(inn)en, die Anfang der 70er zu einem Kolloquium zum Nouveau roman geladen waren. Robbe-Grillet nahm teil, Duras nicht. Aber sie waren immerhin beide eingeladen. Und sie waren beide diejenigen französischen Literaten ihrer Zeit, die auch auf dem Regiestuhl großer Spuren hinterlassen haben. Und wie die Romane spielen auch die Filme mit den Möglichkeiten der Narration: so auch der nach Duras' "Le vice-consul" (1966) entstandene, im Mai in Cannes uraufgeführte und am 6. Juni 1975 in die französischen Kinos gelangte "India Song". Berichtet wird, aus dem Off, zunächst vom Tod einer Bettlerin, derweil die Sonne langsam versinkt. Im Inneren der französischen Botschaft in Kalkutta geht es dann weiter: Delphine Seyrig ist als Anne-Marie Stretter anwesend, Michael Lonsdale als Vize-Konsul von Lahore. Dass Letzterer ein Auge auf die verheiratete Frau geworfen hat, ja in Liebe zu ihr entbrannt ist, wird dann aber nicht in ihren Gesprächen sichtbar, sondern an den Kommentaren aus dem Off, ja sogar außerhalb der Diegese. Und letztlich wird auch Stretter eine Tote sein in diesem Film, der außerordentlich streng stilisiert daherkommt und mit einer Stimmung des Weltschmerzes sowohl Fragen der Kolonialschuld als auch der Geschlechterrollen aufwirft. Den gesamten Film trägt eine seltsam hypnotische, somnambule Atmosphäre, zu der sich fatalistische Züge gesellen, scheint doch das – in der damaligen Vergangenheit der 30er Jahre angesiedelte – Geschehen unter den (teils von Duras selbst gesprochenen) Kommentaren ein bloßes Nachbild der bereits Geschehenen zu sein. Als "haunted-house movie unlike any other" wird der Film dann auch von Criterion bepriesen.
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