Ich erinnere mich noch sehr gut an den 11. September 2001: Ich saß in meinem Büro. Als sich die Meldungen über das Internet häuften, dass zwei Flugzeuge in das World Trade Center geflogen seien. Ich wollte das zunächst nicht glauben, aber sehr schnell waren erste Bilddokumente im Netz. Ich rief meine Freundin an, die es erst nicht glauben wollte. Später schickte sie mir eine Mail, in der sie mich fragte, was das alles für einen Sinn hat. Ich konnte ihr keine Antwort geben.
Fast fünf Jahre nach den Anschlägen versuchen nun Filmemacher, erste Antworten zu geben.
Bald wird „9/11“ anlaufen, der sich mit den Geschehnissen in den beiden Türmen des World Trade Centers während und nach den Anschlägen beschäftigt. Der Film ist von Oliver Stone, der sich in vielen seiner Filme kritisch mit der jüngeren amerikanischen Geschichte auseinander gesetzt hat.
Der erste filmische Beitrag zu den Anschlägen am 11. September ist gerade in unseren Kinos angelaufen: „Flug 93“. In diesem Film schildert Regisseur Paul Greengrass die Ereignisse in dem Flugzeug, das als einziges nicht sein Ziel erreichte, sondern vorher auf einem Feld zum Absturz gebracht wurde.
Bereits zu Beginn des Films findet Greengrass ein starkes Bild: Aus der Perspektive eines Flugzeuges sehen wir auf die Wolkenkratzer einer Stadt hinab. Schon früh überqueren wir aus der Vogelperspektive die Errungenschaften des Kapitalismus. Diese Überquerung wird später in eine Zerstörung münden. Unterlegt ist diese Sequenz mit den friedlich klingenden Gebeten der zukünftigen Attentäter.
In der Folge beschränkt sich der Film auf weinige Schauplätze: Wir verfolgen das Boarding der Passagiere gemeinsam mit den vier Terroristen, wir erhalten Einblick in die Tätigkeiten der nationalen Flugaufsicht, werden Zeuge der Vorkommnisse im Tower des Flughafens von New York und erfahren schließlich auch noch, was sich auf einer zuständigen Militärbasis zugetragen hat.
Die Gespräche und Ereignisse im Flugzeug und in den anderen Schauplätzen sollen anhand der Gesprächsprotokolle und Aufzeichnungsgeräte akribisch rekonstruiert worden sein. Das gibt dem Film einen semidokumentarischen Touch, der durch die wackelige Handkamera noch unterstützt wird.
Aufgrund der Authentizität des Geschehens mit bekanntem Ausgang stellt sich schon am Anfang des Films ein unangenehmes Gefühl ein.
Die Handlung wird durchweg spannend erzählt und folgt den Gesetzen eines Thrillers inklusive Dramatischer Zuspitzung bis hin zum Finale. Manchmal vergisst man vielleicht auch, dass das Gezeigte real ist. Umso schmerzvoller ist das Gezeigte dann, wenn man sich bewusst macht, dass sich die Geschehnisse so oder zumindest so ähnlich zugetragen haben.
Trotz der Elemente des Spannungskinos hat der Film nichts mit den Katastrophenfilmen der 70er Jahre zu tun, in denen die Hauptpersonen anhand kleiner Geschichten kurz vorgestellt wurden. In „Flug 93“ erfährt man fast nichts über den Background der Personen im Flugzeug. Und dennoch geht das Schicksal der Personen dem Zuschauer sehr nahe, ganz einfach deshalb, weil er weiß, dass diese Personen den Flug nicht überlebt haben.
Der Film ist auch in keiner Weise voyeuristisch. Das Gezeigte ist nie in irgendeiner Weise faszinierend. Der Film ist immer distanziert und in dem schon erwähnten dokumentarischen Stil gehalten.
Ebenso bewertet er die Handlungen der Terroristen nicht. Der Film zeigt sie als junge Männer voller Angst, die glauben, für eine höhere Sache zu handeln. Auch die Personen in der nationalen Flugaufsicht, im Tower des New Yorker Flughafens und auf der Militärbasis werden nicht bewertet, bis auf eine Ausnahme vielleicht, denn der militärische Verbindungsoffizier bei der nationalen Flugaufsicht kommt wirklich nicht gut weg.
Vielmehr zeigt der Film die Chancenlosigkeit der Behörden, wirklich etwas unternehmen zu können. Die Flugzeuge, die wirklich ein Attentat verüben wollen können (bei 4500 zu diesem Zeitpunkt in der Luft befindlichen Maschinen) nicht identifiziert werden, es stehen erst keine bewaffneten Militärflugzeuge zur Verfügung, dann kann der Befehl zum Abschuss irgendwelcher Flugzeuge aufgrund der fehlenden Autorisierung durch den Präsidenten nicht gegeben werden.
Die zunehmende Dramatik und Hilflosigkeit der Behörden wird durch immer schneller werdende Schnitte, immer mehr Funksprüche und blinkende Lichter auf den Tafeln der Lotsen illustriert. Auch hier bedient sich der Film also sicher die Spannung erhöhenden Elementen, aber das kann dem Film nicht zum Vorwurf gemacht werden, denn schließlich wird dadurch die ohnehin vorhandene Unruhe nur noch mehr gesteigert.
Die Vorgänge im Flugzeug selbst werden schließlich in Echtzeit gezeigt, ein Prinzip das sich schon in anderen Filmklassikern, z. B. „12 Uhr mittags“ oder „Assault – Anschlag bei Nacht“ als äußerst wirkungsvoll erwiesen hat. Aber auch das kann den Machern von „Flug 93“ nicht negativ angelastet werden, hat man als Zuschauer doch das Gefühl auch ein Passagier der Maschine zu, auch von den Entführern bedroht zu sein.
Dieser letzte Teil des Films ist sicher der intensivste. Die Passagiere erfahren noch von den Anschlägen auf das World Trade Center, werden sich ihrer Lage bewusst, telefonieren mit ihren Angehörigen über das Airphone, weinen, beten oder sitzen einfach nur still da. Und der Zuschauer sitzt mitten drin.
Es werden keine amerikanischen Helden gezeigt, die irgendwelchen Bösewichtern mal wieder filmreif in den Arsch treten, bei den Passagieren handelt es sich um normale Menschen, von denen sich einige – verständlicherweise - nicht mit ihrem Tod abfinden wollen. Sie überwältigen zwei der Terroristen und versuchen, die Piloten davon abzubringen, die Maschine abstürzen zu lassen – ohne Erfolg. Alle Passagiere und die vier Terroristen sterben.
Das bringt mich zu der Frage vom Anfang zurück: Was für einen Sinn hatte das alles?
Der Film gibt eine eindeutige Antwort: Absolut keinen!
9/10