Oliver Stones „World Trade Center“ drängte sich mir viel zu sehr über eine Schiene auf, die allzu stark auf kollektives Schulterklopfen und pathetischen Schmalz setzte. Daraus mache ich weiterhin keinen Hehl, wenngleich mir noch lange Zeit nach Sichtung von „WTC“ durch den Kopf schwirrte, dass es wohlmöglich nicht so ohne Weiteres möglich ist, sich anders an dieses wohl schwierigste Thema der jüngsten Vergangenheit heranzuwagen. Nach „United 93“ ist mir jedoch klar, dass es auch anders geht. Ein Umstand, der Oliver Stones Film keineswegs in ein schlechteres Licht rückt, aber dafür Paul Greengrass’ „Flug 93“ im direkten Vergleich umso gelungener erscheinen lässt…
Paul Greengrass erzählt hier die Geschichte des vierten am 11.September 2001 entführten Flugzeugs, des Flugs „United 93“. Während die drei anderen Flugzeuge ihre Ziele – die Türme des World Trade Centers und das Pentagon – erreichten, brachten einige mutige Passagiere des Flugs 93 die Maschine vor Erreichen ihres Ziels zum Absturz…
Gerade dieser vierten Maschine wurde an jenem schicksalsträchtigen Tag und auch in der Zeit danach die wenigste Aufmerksamkeit zuteil. Schließlich stürzte sie nicht in irgendeinem dicht besiedelten Teil der Vereinigten Staaten ab, sondern „nur“ auf einer Weide in Pennsylvania. Solch ein Absturz könnte schließlich tagtäglich passieren, also: „Who cares?“ Mit dieser simplen und gleichermaßen pietätlosen Haltung möchte es Paul Greengrass nicht bewenden lassen. Er versucht aufzuzeigen, was an jenem Tag in diesem Flugzeug vor sich ging, schildert, wie einige Menschen ihr eigenes Leben opferten, um wohlmöglich das von Hunderten anderer Menschen zu retten und vermittelt zugleich einen Eindruck darüber, wie hilflos die größte Nation der Welt im Augenblick des größten Schreckens seit dem Zweiten Weltkrieg war.
Dass es ihm liegt, wahre Begebenheiten in einen halbdokumentarischen Rahmen zu zwängen, konnte Paul Greengrass bereits mit seinem vielerorts gelobten „Bloody Sunday“ unter Beweis stellen, und auch hier gelingt ihm die richtige Mischung, um dokumentarischem Anspruch und dem Drang nach Nerven zerreibendem Suspense-Kino, den dieses Thema scheinbar mit sich bringt, Folge zu leisten, ohne dass das Endprodukt aufgesetzt wirkt. Der Zuschauer wird mit zunehmender Handlung zu einem jener Insassen der United 93, bekommt die Emotionen, die Ängste der Passagiere hautnah mit, um zugleich jedoch die Möglichkeit geboten zu bekommen, die Chronik des 11.September 2001 in einer Parallelhandlung mit zu erleben. Dabei wird sich in erster Linie darauf beschränkt, die chaotisch wirkende Arbeit der Flugkontrollzentren und des Militärs zu schildern, jener Menschen, denen am 11.September 2001 die Kontrolle über ihre Arbeit durch eine unvorhersehbare Masse an Flugzeugentführungen entrissen wurde und die hilflos mit ansehen mussten, wie tausende Menschen in den Tod geschickt wurden.
Greengrass tut bei der Schilderung dieser Ereignisse gut daran, seine Figuren nicht zu übermenschlichen Heroen zu stilisieren, sondern jedem von ihnen schon fast das Gesicht eines Jedermanns zu geben. So erkennt man erst im Nachhinein, dass „Flug 93“ eigentlich über keinen richtigen Hauptdarsteller verfügt. Unnötige Geschichten über die Opfer werden nicht erzählt, künstliche emotionale Nähe zu irgendwelchen Opfern dieses Fluges wird nicht erzeugt. Und dennoch fühlt man sich jenen Leuten an Bord der United 93 solidarisch verbunden und kommt beim tragischen Ende nicht umher, sich mit einem gehörigen Kloß im Hals auseinander zu setzen, der auch die für solch einen Film obligatorischen finalen Texttafeln noch überdauert.
Mit „United 93“ ist Paul Greengrass ein hervorragendes, eindringliches Drama gelungen, das glücklicherweise niemals voyeuristisch oder gar pietätlos wirkt. Unruhig in seiner Erscheinung, hinterlässt es sein Publikum nicht minder unruhig und aufgewühlt. 8,5/10