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9/11 - drei rohe Zahlen lösen schon Assoziationen aus, die jedermann mit diesem Datum verbindet. Jeder hat Vorkenntnisse, die Tragik des Tages im Jahre 2001 konnte niemand übersehen. Ein Film, der sich damit befasst, hat gleich ein Problem, nur weil er sich mit diesem Thema beschäftigt. Oliver Stones Beitrag wirft man nicht selten neokonservative Propaganda vor und auch Paul Greengrass wurde mit Vorverurteilungen nicht verschont.

Dabei wählt der Brite eine ganz andere Perspektive als Stone. Gleich zu Beginn der Blick auf das, was später zum Ziel von Terroristen wird. Aus einem Flugzeug sehen wir Objekte, die New York als Hochburg der globalen Finanzmärkte schmücken. Hochhäuser, die Gigantismus und Wohlstand ausstrahlen.

9/11 war in erster Linie ein symbolischer Terrorakt, es ging nicht um Menschen, vielmehr wurde sinnbildlich das finanzielle Machtzentrum der Welt erschüttert. Analog zu den dargestellten Wolkenkratzern beten Menschen, denen man jeden humanen Charakterzug aberkennen mag mit dem Vorwissen, was man hat. Terroristen ganz harmlos, völlig ohne diabolischen Charakter, der als einzige Schlussfolgerung dient, wenn man das Resultat kennt. Das Bild passt an sich gar nicht.

Unverbindlich nähert man sich dem Sujet. Greengrass rekonstruiert die Geschichte von "Flug 93", der im nirgendwo, in den Feldern Pennsylvanias abstürzt, weil die Passagiere sich wehren. Heldenzeit würde man pauschal urteilen. Weit gefehlt. Was der Regisseur stattdessen zeigt ist ein Thriller, in dem alle Genre-Mechanismen aus verschiedenen Gründen funktionieren.

Einerseits hat die Rekonstruktion einen dokumentarischen Stil. Die Handlung läuft innerhalb des Fugzeugs, der sinnbildlichen Kammer, in Echtzeit ab und vermittelt einen realistischen Eindruck, zumal das unbekannte Darsteller-Ensemble in allen Situationen, den dazu notwendigen, authentischen Eindruck vermittelt. Die verwendete Handkamera spielt der Impression in die Karten. Überdies die Sicht der Passagiere deckungsgleich mit der des Betrachters, weil alle Personen an Board schon per Handy und sonstigen Informationsquellen wissen, was sich in New York abspielt. Die Türme sind attackiert worden und es ist anzunehmen, dass die entführte Maschine ein ähnliches Ziel hat. Das nennt man dann bleihaltige Spannung, die tief in der Magengegend sitzt.

Psychologisch ist die Kenntnis die letzte Enthemmung, womit sich der Selbsterhaltungstrieb manifestiert. Die Leute kämpfen, weil der Abgrund naht und keine Überlebensperspektive mehr gegeben ist. Heldenhaft ist das nicht, vielmehr menschlich und tragisch. Die Dekadenz sitzt quasi mit an Board. Man fragt sich nicht nur einmal: Was würde man selbst tun? Resignieren oder kämpfen? Für was, wenn der Untergang vorprogrammiert ist? Oder jetzt erst recht? Im Gegensatz zu den Betrachtern wissen wir, wie die Geschichte endet. Das mildert die Sache aber in keiner Weise, weil Greengrass es inszenatorisch versteht, mitzureißen. Ohne Polaritäten versteht sich. Die Terroristen sind keine Unmenschen, die vor Kälte erstarren. Zweifel und Angst sieht man ganz klar in deren Gesichter aufblitzen. Nicht nur einmal, geglaubte Sicherheit wird zu blanker Unsicherheit.

Dazwischen dokumentiert "Flug 93" die Handlungen im Kontrollcenter der Flugüberwachung. Was wir sehen ist Blindheit und Verwirrung, die man nicht einmal als Vorwurf werten kann. Es gibt keinen Plan für das, was wir mit gemeinsam mit den Mitarbeitern erleben. Menschen geraten an ihre persönlichen Grenzen und den durch Konventionen begrenzten Kompetenzrand. Betäubt wandelt man orientierungslos umher. Das Versagen wird nicht konspirativ, sondern menschlich.

Wir kennen keinen der Beteiligten, niemand wird ausführlich in den Plot eingeführt. Dennoch sehen wir, dass hier eine spezielle Spezies mit all den damit verbundenen Stärken und Schwächen handelt. Empathische Solidarität ist keine forcierte Absicht - Tragik entsteht, weil sie die Situation in realistisch plastischer Machart zulässt.

"Flug 93" beleuchtet nicht den Kern der Anschläge, aber trifft im Sinne von dramatischem Thrillerkino das emotionale Zentrum des Betrachters. Menschen werden weder zu Superhelden oder diabolischen Figuren, im Rahmen des perspektivisch begrenzten Raums sehen wir puren Humanismus in Grenzsituationen. Dramaturgie und Spannung trotzt Vorkenntnisse. Anhand dieser Erkenntnis merkt man, dass Greengrass viel richtig gemacht hat - wenn man das in diesem Zusammenhang überhaupt so nennen mag. (8/10)

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