Review

Wie stark die Ereignisse des 11. September 2001 das Leben beeinflusst haben zeigt sich, wenn du dich in einem Flugzeug befindest und sich ein paar Reihen vor dir ein arabisch aussehender Mann unerwartet von seinem Sitz erhebt…
…um einfach nur auf Toilette zu gehen.

So langsam traut man sich an den Stoff heran, der bei Sichtung zeithistorischer Aufnahmen noch immer beklemmende Gänsehaut verursacht. Oliver Stone wird im Herbst hoffentlich sein sensibles Händchen für sein „World Trade Center“ beweisen.

Dieser Beitrag mag ein Vorgeschmack sein.

Im Zuge der Ereignisse vom 11. September ist der Flug 93 ein wenig untergegangen, die Medien konzentrierten sich primär auf die beiden Flugzeuge im World Trade Center und das im Pentagon.
Flug 93 war jener, der wahrscheinlich das weiße Haus oder das Kapitol treffen sollte, doch nach einem Aufstand der Passagiere zerschellte die Maschine auf einem Feld in Pennsylvania, niemand überlebte.

Mit einfachen Mitteln rekonstruiert „Flight 93“ die Vorgänge, die sich an Bord der Boeing 757 abgespielt haben müssen und das wirkt zumindest weitgehend authentisch.
An diesem schicksalsschweren Tag verabschieden sich einige Menschen zweimal voneinander, zunächst im alltäglichen Routineablauf und zuletzt für immer und im Angesicht des Todes.
Regisseur Markle präsentiert keine Helden, die es nie gegeben hat, sondern ganz normale Passagiere, die sich während ihrer lebensbedrohlichen Situation Zuhause melden und gleichzeitig erfahren, dass gut organisierte Terroristen bereits das World Trade Center zum Einsturz gebracht haben.

Sie raufen sich zusammen und greifen die vier islamistischen Selbstmordattentäter an.

Allerdings konzentriert sich der Film stark auf die Telefongespräche zwischen einigen Passagieren und ihren „Heimchen“, was eine Menge melodramatisches Geschwafel mit sich bringt.
Des Weiteren fällt unangenehm auf, dass offenbar alle Angehörige fröhliche Kinder daheim haben, die während dieser Krisensituation erfahrungsgemäß furchtbar nerven. Kinderlose haben zumindest ein Dutzend spielender Kinder direkt vorm Haus, damit die scheinbar heile Welt noch heiler wirken soll, - das hat mich etwas angekotzt.
Der Zuschauer dürfte aufgrund der zeithistorischen Relevanz dieses Ereignisses bereits verstanden haben, da bedarf es keines kontrastsetzenden Stilmittels.

Überhaupt vertraut Regisseur Markle den Erinnerungen des Zuschauers: Denn, wenn ich diesen Film ohne seinen schrecklichen wahren Hintergrund betrachte, wäre er nur die Hälfte wert. Das ist makaber.

Doch die stets präsenten Fernsehbilder im Hintergrund vermitteln ein Gefühl von Realität, was die unbekannten Darsteller ebenfalls mit Bravour meistern, - offensichtlich sitzt der Schock noch immer tief in den Knochen, um angemessen und glaubwürdig zu performen.
Die Ausstattung ist gut, die technische Umsetzung gelungen.
Keine effekthascherischen Bilder beim Crash der Boeing, sondern Stille und Betroffenheit schließen das Drama.

Inwieweit die rekonstruierte Handlung den Fakten entspricht, ist schwer nachzuvollziehen, da sich nach wie vor Verschwörungstheorien im Umlauf befinden, das US-Militär habe Flug 93 abgeschossen. Ebenso, dass hier nahezu jeder Passagier noch nach Hause telefoniert, während mir bislang nur die letzten nach außen gedrungenen Worte eines Todd Beamer bekannt waren.

„Flight 93“ bietet insgesamt einen aufwühlenden Film, der hauptsächlich vom wahren Hintergrund der Ereignisse lebt und die ganzen Erinnerungen des Zuschauers ins Gedächtnis ruft.
Ein kleines, aber bewegendes Zeitdokument.
7 von 10 Punkten

Details
Ähnliche Filme