Ganz in der Tradition des amerikanischen Science-Fiction-Films der Siebziger erntet „Rollerball“ auch heute immer noch breites, anerkennendes Interesse für seinen kritische Blick auf eine möglichen Zukunft.
Vietnam und der Kalte Krieg spukten seinerzeit insbesondere noch durch den Alltag der Amerikaner und schufen Angst, Unruhe oder Unzufriedenheit. Der ideale Nährboden solcher klassischen, pessimistischen Dystopien wie „Soylent Green“, „Logan’s Run“ und eben „Rollerball“.
Mit gewohnter Sorgfalt und dem intelligenten Drehbuch von William Harrison, dessen eigene Kurzgeschichte die Vorlage war, schuf Norman Jewisons („The Cincinnati Kid”, „The Thomas Crown Affair”) eine nahezu makelloses Genrewerk, dem sein legendärer Ruf nicht umsonst vorauseilt.
Denn vom negativen Zukunftsdenken, der unterschwellig antikommunistischen Tendenz, der Kritik der sensationslüsternen Sportvermarktung und der manipulativen Fähigkeiten kontrollierter Medien lässt sich gleiche eine ganze Ansammlung damals wichtiger und heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßter Themen wiederfinden.
Beängstigend ist in dieser Hinsicht, dass die Welt von „Rollerball“ bereits die von Übermorgen sein könnte. Ein futuristischer Stil wird durch das Interieur relativ dezent gepflegt, abseits dessen scheint das Szenario aber gar nicht mehr so fern zu sein.
Die alten Hierarchien sind indes völlig aufgelöst worden. Es gibt keine Regierungen und keine Länder mehr, sondern nur noch Konzerne, sogenannte Corporations, herrschen über einzelne Sektoren, die sie untereinander aufgeteilt haben. Infolge dieser bestimmten Oligarchie gibt es nun keine Kriege und auch kein soziales Ungleichgewicht mehr. Die Exekutiven als anonyme Allmacht, die niemand eigentlich wirklich kennt, bestimmt und portioniert eine Luxuswelt. Der Bürger akzeptiert, kann nur akzeptieren, gibt jede Entscheidungsgewalt freiwillig ab und erfüllt lediglich seinen Zweck innerhalb der Gemeinschaft. Anstatt einer festen Lebenspartnerschaft werden Mann und Frau rhythmisch zugeteilt und auch die Vergangenheit, ehemals festgehalten in Büchern und nun in einer überlasteten Recheneinheit eingespeist, erfährt keinerlei Bedeutung mehr, könnte sie doch problematische Informationen bereithalten, die die neuen Machtverhältnisse hinterfragen und von ihr noch nicht gefiltert worden sind. Die Erinnerungen der Menschen wie Jonathans Mentor Cletus (Moses Gunn, „Heartbreak Ridge“), die noch eine andere Welt kennen, verblassen zusehends. Die Zeit löst diese Problem von selbst.
Vom Neoliberalismus und der damit einhergehenden unkontrollierbaren Macht einflussreicher Konzerne, heute aktueller denn je, bis hin zu einem deutlich negativ geprägten Blick auf den nur in der Theorie funktionierenden Sozialismus lassen sich allein schon anhand dieser Struktur einige kritischen Aussagen Harrisons festlegen.
In dieser Welt lebt auch Jonathan E. (James Caan, „The Killer Elite“, „Thief“) als erfolgreicher Rollerball-Champ, der, herausragend in dieser Eventsportart, eine gefeierte Legende auf dem Spielfeld geworden ist und deshalb eine Gefahr für die Corporations darstellt. Denn eigentlich soll Rollerball einen anderen Zweck erfüllen – den Zuschauern die Sinnlosigkeit individueller Anstrengungen vor Augen halten. Klar, dass der herausragende Jonathan, der die Spiele jeweils entscheidet, ihnen ein Dorn im Auge ist. Man legt ihm den pompösen Rücktritt nahe und stellt ein wartendes Luxuslebens in Aussicht, doch rechnet nicht mit seinem Dickschädel und Ehrgeiz. Sich unterordnen und sein vorbestimmtes Schicksal einfach nur annehmen, ist nicht sein Ding. Ihm gefällt sein derzeitiger Status dafür zu sehr und so langsam dämmert ihm auch, auch wenn er auf seine Fragen nirgends Antworten erhält, dass da etwas faul im Staate Dänemark sein muss..
Als Mann, der die Massen mobilisieren kann, wird er nun immer gefährlicher, worauf die Regeln des Spiels nur zu einem Zweck verändert werden: Jonathan soll auf dem Feld sterben.
Diese Spiele sind dann mit ihrer zunehmenden Brutalität und sich häufenden, tödlichen Verletzungen, die von der tosenden Menge jeweils lautstark applaudiert werden, die immer wiederkehrenden und sich immer weiter steigernden Highlights des Films. Norman Jewison entbrennt spannungsgeladene Schlachten mit auf Rollschuhen fahrenden oder auf Motorrädern sitzenden, modernen Gladiatoren, die nur die stählerne Kugel in das gegnerische Tor bugsieren wollen. Die Inszenierung ist selbst für heutige Verhältnisse noch sehr spektakulär. Kontinuierlich verwandelt sich die Arena dabei in einen Schauplatz der Gewalt. Mit Schubsen und Umstoßen beginnt das erste, noch harmlose Spiel, indem höchstens Prellungen und Brüche die bösesten Verletzungen darstellen und tatsächlich noch Strafen ausgesprochen werden. Im Finale wird die Bahn, gleich eines Kriegsschauplatzes, von blutigen Leichen, brennenden Wracks und lodernden Feuern gesäumt sein. Sportliche Fairness kennt hier niemand mehr. Die Neuauslegung der Regeln und die damit verbundene Verschärfung der Spielsweise fördert den instinktiven Kampfs ums Überleben, dem die Sportler folgen und sich dabei in wilde Kämpfer verwandeln, die ihre Gegner totprügeln, tödlich verwunden oder gar exekutieren. Das aberzogene Bewusstsein menschlicher Verhaltensweisen nimmt seinen grotesken Lauf. Man tut eben, was die Doktrin, das Regelwerk vorschreibt. Hier wird sich auch nicht mehr um Menschenleben gekümmert. Im wahrsten Sinn des Wortes gehen lediglich die Lichter aus und das war es dann auch schon.
Jewison ist in der grafischen Darstellung nicht gerade zimperlich, um seine Zuschauer zu schocken, lässt auch mal tödlich getroffene Spieler rückwärts das Feld herunterrutschen oder zeigt blutige Close Ups gezeichneter Körper. Die Games sind jeweils lange, ausführlich, ausufernd und bis zur letzten Sekunde darüber hinaus sehr spannend geraten. Die unzähligen Kameras der übertragenden Sendestation fängt das Spektakel auch jeweils sensationslüstern in allen blutigen Details ein, wobei das den abgestumpften Zuschauer nicht mehr sonderlich zu stören scheint. Nun, da ist man heute in Zeiten von herben Veranstaltungen wie K1 und Ultimate Fighting auch nicht viel weiter.
Abseits des brutalen Sports erforscht Jewison die Auswirkungen der vorbestimmten Lebensläufe. Das durch den steten Partnerwechsel hervorgerufene Fehlen einer emotionellen Bindung ermöglicht den Menschen einen ungezwungenen Umgang miteinander, wobei auch in dieser Hinsicht Jonathan eine Sonderstellung genießt, weil ein Exekutiv-Mitglied, die Mächtigen der Corporations, seine Frau Ella (Bond-Girl Maud Adams, „The Man with the Golden Gun“, „Octopussy“) für sich beanspruchte und ihm wegnahm, ihm aber nun wieder zuteilt, um doch noch Jonathans Rücktritt zu erreichen.
In einer intensiven, psychedelischen Sequenz erlebt man übrigens wie fortgeschritten die manipulativen Fähigkeiten des Fernsehens sind, das bei der Ausstrahlung einer Sendung über Jonathan und seinen Sport alle Zuschauer wie in Hypnose für sich einnimmt. Rollerball ist ein Ventil, das besonders den Zuschauer im Stadion ablenkt. Abgestumpft und infantil frönen sie wenig später der effektfreudigen Zerstörung der Natur in einem kleinen Feuerwerk. Da gibt es keine Querdenker mehr...
Bis auf Jonathan eben und der kämpft darum, sich als Individuum zu bewahren, als die Corporation nicht auf einen Deal eingehen will. Er sieht rings um sich herum Freunde und Mitspieler sterben, erhält keine Antworten auf seine Fragen nach dem Warum und setzt dickköpfig alles daran zu überleben und damit genau das zu werden, was die Exekutiven nicht sehen wollen: ein Volksheld.
Wie immer überzeugt James Caan in diesen charismatischen Einzelgänger-Rollen (Vergleiche „The Killer Elite“ oder „Thief“) des Individualisten, der sich entgegen alle gut gemeinten Ratschläge nicht unterbuttern lassen lässt und bis zum Äußersten geht.
Fazit:
Norman Jewisons „Rollerball“ gehört zu den besten Vertretern einer Science-Fiction-Dekade, deren Kopplung von Intelligenz und Unterhaltung einige immer noch aktuelle Klassiker hervorbrachte. Die Aussagen sind aktuell geblieben, die wuchtige und dann wieder subtile Inszenierung souverän, James Caan sehr überzeugend und die spektakulären Spiele in den Arenen natürlich Filmgeschichte. Auch angesichts der breiten Palette sich teilweise erst auf den zweiten Blick offenbarender kritischer Mitteilungen ganz zurecht Filmgeschichte.
Den direkten Vergleich kann das Remake von John McTiernan („Die Hard“, „Predator“) leider zu keiner Sekunde standhalten.