Als Reflexion auf die immer brutaler werdenden Sportereignisse Amerikas gedacht, und in einer Zeit entstanden, in der düstere Zukunftsvisionen á la "Soylent Green" oder "Uhrwerk Orange" populär waren, ist "Rollerball" eine pessimistische Utopie mit Seitenhieben auf die immer martialische Sportindustrie. Das Kuriose daran: Oft wurde Regisseur Jewison vorgeworfen, er hätte mit "Rollerball" einen brutalen, gewaltverherrlichenden Actionfilm gedreht. Zu reißerisch würde die Betonung der Actionszenen ausfallen. Doch wer sich an den rasanten Szenen stört, die ganz eindeutig die Minderheit im Film sind, hat anscheinend nicht den Sinn von "Rollerball" erfasst.
Die Utopie ist im Jahre 2018 angesiedelt. Die Welt bleibt realitätsnah. Keine Außerirdischen und auch keine Weltraumtrecks. Nur Exekutiveinheiten und die oft thematisierte Kontrolle über alle Lebensformen. So hat man jeglichen gesellschaftlichen Mißstand abgeschafft, aber auch damit die Menschheit zu einer breiigen Masse vereinheitlicht. Wenige Privilegierte haben die Ehre zu dem Exekutiv-Ausschuss zu gehören. Die Mitglieder dieser Einheit sind die einzigen, die bestimmen und einflussreich handeln dürfen. Normale Bürger haben den Entscheidungen Folge zu leisten. Daher gibt es auch keine Eheschließungen mehr. Frauen und Männer werden einander zugeteilt. Transparenz ist bei der Exekutiveinheiten nicht geboten: Auch sie bekommen Anordnung von "Oben" - wer hier wirklich am regieren ist, beantwortet der Film nicht.
Ein positiver Aspekt ist die Tatsache, dass im Jahre 2018 alle Kriege abgeschafft worden sind. Als Quasi-Ersatz ist der weltweite Volkssport Rollerball eingeführt worden. Auf Rollschuhen jagt man über ein abgeschrägtes Rund, fängt eine wie im Flipperautomaten abgestoßene Eisenkugel ein, die in ein gegnerisches "Tor" zu befördern ist. Zwei der Spieler pro Manschaft sind per Motorrad auf dem Parcours unterwegs, was die gesamte Sache noch gefährlicher und halsbrecherischer macht. Nicht selten kommt es zu bösartigen Verletzungen und üblen Knöchenbrüchen.
Die Stars des Rollerballs ist die Truppe aus Houston, insbesondere ihr Starspieler Jonathan E. (James Caan). Er ist der unübertroffene Meister des Rollerball, langjähriger Sportveteran und Liebling des Publikums. Man schneidert sogar einen ganzen TV-Kanal nur auf ihn und seine Erfolge beim Rollerball zu. Um so überraschender kommt für den leidenschaftlichen Kämpfer die Nachricht der Exekutive: Sie befehlen ihm den Rücktritt aus dem Sportgeschäft. Seine Beharrlichkeit weiterzumachen, führt schließlich zu Regeländerungen, die anscheinend der Abschreckung dienen sollen: Sämtliche Strafzeiten werden gestrichen - und somit bleibt jegliches, noch so brutales Foul legal.
Selbst als aus dem Spielfeld ein blutgetränktes Schlachtfeld wird, und sein bester Freund beim Sport stirbt, gibt Jonathan nicht auf. Mit der Erwartung, dass sein nächstes Spiel vermutlich sein letztes, weil totbringendes sein wird, meistert Jonathan jede noch so brutale Herausforderung. Das Spiel, das in den letzten, finalen Minuten eingefangen wird, hat nichts mehr mit den ausgelassenen Sportszenen zu Anfang zu tun. Jewison verzichtet sogar geschickter Weise auf einen Hallenkommentar - das erbarmungslos brutale Spiel bleibt still, und auch vom atemlosen Zuschauer weitesgehend unkommentiert.
Auf die Frage, warum die konspirativen Hintermänner das Aus von Jonathans Karriere fordern, gibt es keine explizite Antwort. Vermutlich ist die Tatsache, dass Jonathans Talent und Glorie zu sehr aus dem nichtssagenden, unterschiedslosen Menschenbrei hervorsticht, und eventuell für einige Menschen emotional wichtiger sein könnte, als die Exekutivmitglieder, Grund für Besorgnis bei den einflussreichen Unbekannten. Jewison tut gut daran, uns keine Antworten zu geben, denn Jonathan E. findet selber keine. Als er in einer Szene eine elektronische Bibliothek aufsucht, um sich nach dem Ursprung der Regierung zu erkundigen, wird beileufig erklärt, dass der Computer eine Macke habe, und am Morgen mal eben das "komplette 13. Jahrhundert" aus der Datenbank "gelöscht" habe.
"Rollerball" ist eine ebenso intellektuell packende, wie auch durch die Actionszenen beeindruckende Utopie mit einer hohen Spannungskurve. Die Sportszenen wirken realistisch und durchdacht, so als würde es den Sport Rollerball tatsächlich geben (zumindest das Team von Schauspielern und Stuntmännern übte diesen "Sport" zwischen den Drehpausen aus). Den Rest machen die durchweg klasse Darsteller und der clevere Score von Andre Previn. Ein visionärer, großartiger Klassiker!