"Vorsicht! Ich bringe hier einen Toten!"
In den 30er Jahren leitet Paul Edgecomb (Tom Hanks) den Todestrakt des Gefängnisses von Cold Mountain in Louisana, der durch den grünen Linoleum-Fußboden die Bezeichnung "grüne Meile" erhalten hat. Er und seine Mitarbeiter Brutus Howell (David Morse), Dean Stanton (Barry Pepper) und Harry Terwilliger (Jeffrey DeMunn) haben es sich zum Ziel gesetzt, den Todeskandidaten ihren letzten Gang nicht schwerer als nötig zu machen. Der einzige der aus der Reihe tritt ist Percy Wetmore (Doug Hutchison), der besonders an dem Gefangenen Eduard Delacroix (Michael Jeter) seine sadistischen Triebe ausläßt.
Für gewöhnlich verläuft der Arbeitstag der Wächter ohne außergewöhnliche Ereignisse. So ist eine Maus, die sich mit Delacroix anfreundet, eine Bereicherung für das gesamte Team und wird sogleich mit dem Namen Mr. Jingles aufgenommen.
Als der hünenhafte John Coffey (Michael Duncan) in den Todestrakt eingewiesen wird, folgen einige merkwürdige Ereignisse. Merkwürdig ist bereits die Naivität des Mannes, der zwei junge Mädchen vergewaltigt und getötet haben soll. Aber als Paul, der an einer schmerzhaften Blasenentzündung leidet, durch Coffey's Hände auf mysteriöse Weise geheilt wird, ist sich der Wärter nicht mehr so sicher, ob er diese Tat tatsächlich begangen hat.
Horror-Autor Stephen King ist erklärter Anhänger des Schriftstellers Charles Dickens, der viele seiner Romane als Fortsetzungsgeschichten in Zeitungen oder sogenannten Chapbooks veröffentlichte. Für seine zunächst als Fortsetzungsroman aufgelegte Reihe The Green Mile adaptierte King 1996 diese Idee, trotz anfänglicher Skepsis, ob diese Art der Erzählweise Leser locken würde. Und dies mit einer Handlung die zunächst völligst untypisch für ihn scheint. Denn The Green Mile beschäftigt sich mit einer personennahen Erzählung um Wächter und Sträflinge in einem Gefängnis statt mit widernatürlichen Kreaturen.
3 Jahre nach erscheinen der Reihe hat sich der Erfolg soweit widergespiegelt, dass Regisseur Frank Darabont, der kurz zuvor noch mit "Die Verurteilten" eine der besten King Verfilmungen ablieferte, eine weitere Gefängnisgeschichte des berühmtesten Schriftstellers in Auftrag nahm.
Erstaunlich nah bewegt sich Darabont an Kings Vorlage. Ganze Passagen inclusive Dialoge wurden von dem Papier auf die bewegten Bilder umgesetzt. Der immens enthaltene christliche Glaube wurde etwas abgeschwächt, ebenso ein paar Subplots komplett gekürzt. Trotzdem hat "The Green Mile" eine Laufzeit von stattlichen 181 Minuten. Und obwohl das Gefängnis-Drama somit eine an üblichen Filmen gemessene doppelte Spielfilmlänge vorweist, fesselt er fast die gesamte Laufzeit lang.
Dies gelingt ihm durch seine einfühlsame Darstellung der Figuren. Detailfreudig werden diese eingeführt und gleichberechtigt behandelt. Bei der hohen, an der Handlung beteiligten, Personenanzahl ist die lange Laufzeit somit kein Wunder. Auch die gefühlvollen Klänge tragen einen großen Teil zur dichten Atmosphäre bei, die besonders während trauriger Momente den Druck auf die Tränendrüse enorm erhöhen.
Die Bücher hatten eine durchgehend ernste Stimmung. Hier zeigt die Filmversion Toleranz und überspitzt ein paar Situationen soweit, dass sie belustigend wirken. Dies geht nie soweit, dass der bodenständige Rahmen verlassen wird. Die ständige Anspannung durch das Thema Todesstrafe und dessen Vollzug wird dadurch aber angenehm erleichtert.
Drastisch bebildert wird der Vollzug auf dem elektrischen Stuhl. Trotz der Klarstellung, dass es sich bei den Häftlingen um Verbrecher handelt, bleibt ein unangenehmer Nachgeschmack und eine bewusst geführte Auseinandersetzung mit dem Thema Todesstrafe. Das absolute Grauen erreicht eine Spitze durch eine nicht planmäßig durchgeführte Hinrichtung, die die Handschrift von King durchblicken lässt.
"The Green Mile" ist ein Film, der enorm von seinen Darstellern lebt. Selbst Randfiguren wurden mit Gary Sinise ("Kopfgeld", "Apollo 13"), Graham Greene ("Der mit dem Wolf tanzt") und James Cromwell ("Star Trek - Der erste Kontakt") starbesetzt und sind ansprechend anzusehen. Grandiose Schauspielkunst bieten Tom Hanks ("Forrest Gump"), David Morse ("The Rock - Fels der Entscheidung"), Michael Duncan ("Armageddon - Das jüngste Gericht") sowie Doug Hutchison ("Batman & Robin") in ihren sehr dankbaren und handlungstragenden Rollen. Daneben bieten Michael Jeter ("Mäusejagd"), Sam Rockwell ("Galaxy Quest") und Jeffrey DeMunn ("Der Nebel") wohl proportionierten Edel-Support.
Nach "Die Verurteilten" präsentiert Frank Darabont auch "The Green Mile" angemessen in Form einer einfühlsamen sowie emotional starken Verfilmung, die seine Figuren in den Vordergrund stellt und mit überzeugendem Schauspiel glänzt. Obwohl das Thema des Filmes eigentlich sehr ernst ist, wirkt der Film sehr ruhig, ja fast sogar idyllisch, von den Hinrichtungs-Szenen mal abgesehen. Diese tragen gerade in ihren Spitzen die eindeutige Handschrift des Horror-Autors Stephen King. Glücklicherweise nehmen die in der Roman-Reihe nicht vorhandenen belustigenden Szenen den immensen Druck des Themas, sonst wäre das Drama mit der Länge von ca. drei Stunden nur schwer zu ertragen, obwohl es nicht alle Grausamkeiten enthält.
9 / 10