Review

Kunst oder Porno?
Dieser Frage mussten sich schon so mancher Film stellen und auch Nagisa Oshimas „Im Reich der Sinne“ wurde oft genug auf diesen Punkt, diese eine Frage, reduziert.
Dabei ist Porno doch eh schon so ein schwammiger Begriff und wird dazu noch überall anders abgegrenzt.
Lassen wir es also mal egal sein ob nun Pornographie oder nicht, richtig ist auf jeden Fall das der Film sehr freizügig ist und wer damit Probleme hat sollte ihn sich gar nicht erst ansehen.
Aber auch die Geschichte an sich ist keine die man leicht verdaut, um so mehr als sie auch noch auf einer wahren Begebenheit beruht. Das gibt dem ganzen noch einmal eine ganz andere Wirkung als wenn es nur die schmutzigen Gedanken irgend eines perversen kleinen Drehbuchschreibers gewesen wären.
Dabei endete die Geschichte der echten Kichizo Ishida und Sada Abe genau wie der Film es uns am Ende sagt. Nach dem Sada von der Polizei aufgegriffen wurde entwickelte sich das ganze zu einem der größten Skandale Japans und Sada wurde zu 6 Jahren Haft verurteilt, nach 4 Jahre aber vorzeitig wieder entlassen. Danach versuchte sie ein normales Leben zu führen, was ihr aber nicht gelang, und am Ende verschwand sie gegen 1970 völlig von der Bildfläche.
So genau hält sich Oshima allerdings nicht an die reale Geschichte und auch die Hintergründe beleuchtet er nicht wirklich. Viel mehr konzentriert sich der Film wirklich völlig auf die Beziehung der beiden Hauptcharaktere und deren unheilvolle Entwicklung. Dabei ist es für den unbedarften Zuschauer wie mich allerdings auch oftmals schwer das ganze nach zu vollziehen. Man wird doch öfters mal nicht so ganz schlau aus dem Ganzen. Besonders der Charakter Kichizo gibt mir so manches mal Rätsel auf. Scheint er sich in der einen Szene nur von Sada würgen zu lassen weil er Angst vor ihr und die Situation deeskalieren lassen will, so scheint es in der nächsten schon wieder so als hätte er selber große (sexuelle) Freude daran.
Erschreckend faszinierend und faszinierend erschreckend ist es alle mal, wie zwei Menschen in einen derartigen Strudel geraten können und dabei selbst nicht so recht wissen ob sie nun noch normal sind oder nicht. Ein kompromissloser Blick darauf wie bizzar Liebe sein kann. Oder ist das ganze wirklich überhaupt Liebe?
Wollte man sich mit allen Fragen beschäftigen die der Film aufzuwerfen im Stande ist, könnte man ein eigenes Buch dazu schreiben, oder eine Abschlussarbeit in Psychologie.
Und so wie die Geschichte kennt auch der Film und seine Bilder keinerlei Tabus, und durchbricht damit alle für den „normalen“ Film geltenden Tabus und Schranken, wobei wir wieder bei der Pornofrage wären. Sicherlich kennt die Kamera scheinbar keine Scham. Selbst primäre Geschlechtsteile werden deutlich gezeigt, etwas was sonst allein dem Porno vorbehalten ist. Allerdings geschieht das nie penetrant oder aufdringlich, viel mehr sind es nur flüchtige Blicke oder wir sehen das ganze aus gebührendem Abstand. Ein simples, stupides, minutenlanges „draufhalten“ in Nahaufnahme, wie beim 08/15 Porno sucht man hier vergeblich. Das nimmt dem ganzen aber nichts an Explizität und manche Szenen sind wirklich schon fast erschreckend. So lässt Sada Kichizo zum Beispiel, in einer Art Selbstgeißelung, vor ihren Augen mit einer 68jährigen Geisha schlafen. In einer anderen Szene sitzt Sada in einem Raum und spielt mit zwei kleinen, nackten Kindern. Dabei gerät sie so in Erregung das sie beginnt den Jungen zu „befummeln“. Das zeigt zwar einerseits sehr eindrucksvoll wie sehr Sada Sklavin ihrer Lust, ihres Triebes ist, wirkt aber schon etwas sehr befremdlich.
Generell muss man den Hut vor den Darstellern ziehen. So einen Film dreht man nicht mal einfach nebenher. Es ist wohl kaum nachvollziehbar was es heißt solche Rollen zu spielen.
Wirkliche Anerkennung wurde dem Film dabei allerdings nicht zu teil.
Bis heute darf er in seinem Heimatland nicht unzensiert aufgeführt werden und in vielen anderen Ländern wurde er sogar ganz Verboten und auch in Deutschland wurde er zu seiner Premiere auf der Berlinale gleich beschlagnahmt, später aber von einem Gericht wieder freigegeben.
Mit „Im Reich der Sinne“ schuf Nagisa Oshima einen der kontroversesten und gleichzeitig aber auch beeindruckendsten Filme Japans, der auf viel Unverständnis stieß, inzwischen aber so langsam seinen Platz als anerkanntes Kunstwerk gefunden hat.

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