China Blue - bei Tag und bei Nacht ist die Geschichte einer Doppelrolle: Tagsüber als fleißige Designerin im Büro, geht Joanna Crane (Kathleen Turner) des nachts mit blonder Perücke und blauem Kleidchen als China Blue auf den Strich. Was nach einer frivolen Story klingt, entpuppt sich mit zunehmender Dauer als nett anzusehendes Kaleidoskop einfachst gestrickter Charaktäre und oberflächlicher Dialoge, der zwar ein paar nette Momente hat, dem ansonsten aber jegliche Frivolität fehlt.
Dies beginnt bei Kathleen Turner, die hier bestenfalls als Edelprostituierte agiert, der man ihre Bildung auch nachts anhört, die nie ordinär oder gar aggressiv redet/agiert und mit einem Wort einfach viel zu "nett" ist. China Blue ist neugierig und lacht gerne, zeigt an keiner Stelle des Films Verbitterung oder einen sonstigen Anhaltspunkt der ihren Doppelberuf erklären würde. Ein Hinweis auf Mißbrauch durch den Vater wird beiläufigst eingestreut und nicht weiter verfolgt; dafür behauptet China Blue aber an mehreren Stellen, die "Beste" ihres Fachs zu sein - doch der Film spielt nicht, wie man nun vermuten könnte, in einem abgelegenen Bergdorf, sondern in einer Großstadt. Kurz gesagt: China Blue mangelt es vor allem an (nuttiger) Ausstrahlung. Hätte sie keine blonde sondern eine rothaarige Perücke wäre ein Vergleich mit Pippi Langstrumpf gar nicht mal so weit hergeholt.
Auch das in anderen Streifen gerne in besonders tristen Farben dargestellte Nuttenmilieu kann der Film in keiner Szene transportieren; vielmehr spielt sich die meisten Szenen in einem Erotikcenter an einer belebten Strassenecke ab, in der sich China Blue ein Zimmer gemietet hat, wo sie des nachts ihrer Zweitbeschäftigung nachgeht. Abgesehen von teilweise schreienden Tapetenfarbmustern sieht dieses Zimmer aber genauso bieder und aufgeräumt aus wie wohl die meisten Schlafzimmer in den 80ern. Im Nebenzimmer hat sich der Reverend eingemietet und beobachtet durch einen Türspion in der Wand China Blues Aktivitäten.
Dieser Reverend (Anthony Perkins) hat zwar nebenbei ein paar fromme Sprüche drauf, ist aber in Wirklichkeit ein schmieriger Spanner, der wie alle anderen scharf auf China Blue ist. Jedesmal wenn er sie sieht fängt er fast zu sabbern an, in der Peepshow ist er Kunde und eine Tasche mit Dildos, Plastikmuschis etc. schleppt er auch dauernd mit sich herum. Seine Konversationsversuche mit China Blue bauen stets auf Küchenpsychologie auf und enden meist damit, daß er sie "retten" will. China Blue ist davon schnell genervt, entzieht sich aber meist mit der ihr eigenen Freundlichkeit. Perkins ist also der Unsympath des Films, ein Getriebener, der seine Einsamkeit mit Bibelsprüchen und Pornographie bekämpft und schon mal nachts vor China Blues Privatwohnung sitzt und Sätze wie "ich werd ihr ihre kleinen Titten abschneiden" murmelt. Später mutet ihm das Drehbuch auch noch eine selbstgebastelte Dornenkrone zu, aber Perkins wäre nicht Perkins, würde er nicht auch diese Rolle überzeugend darbieten. Sein ausdrucksvolles Mienenspiel, seine vorgetragene Hektik passen jedoch gar nicht zum kaum vorhandenen Erzähltempo, und da er keinen entsprechenden Widerpart, keinen Gegner hat möchte man fast sagen, er vergeudet seine Kunst in diesem drögen Streifen.
Schließlich haben wir noch Bobby, einen Privatdetektiv, der durch einen Auftrag von Joanna Cranes real-life-Boss auf ihre Spur kommt. Dieser nach außen hin immer fröhliche Sunnyboy hat Eheprobleme und bespricht diese, zum großen Leidwesen des Zusehers, in mehreren Sequenzen, was den Film doch deutlich nach unten zieht, denn Bobby und seine Frau sind ein völlig phantasieloses Pärchen oder anders ausgedrückt: sterbenslangweilige Schnarchnasen. Bei dramaturgisch bedeutsamen Sätzen wie "Ich hab heut abend ein neues Rezept zusammengestellt. Da sind alle deine Lieblingsgemüse drin. Sieht gut aus" kann sich im Ehebett einfach nichts mehr abspielen. Da nützen auch Grillparties mit pubertären Freunden und ebenso flachen Witzchen nichts, hier hat der Film deutliche Längen und könnte problemlos um 20 min. gekürzt werden. Natürlich verliebt sich Bobby mangels Alternativen sofort in China Blue, schiebt ein (bezahltes) Nümmerchen mit ihr und bettelt fortwährend um sie; seine Frau und Kinder quartiert er schonmal vorsorglich aus. Vorhersehbar, daß er China Blue am Ende retten darf. Gemeinerweise (für den Zuseher) endet der Film dann in Bobbys Selbsthilfegruppe, wo ebenjener einen langweiligen Monolog runterleiert und somit auch die letzten Minuten des Films versaut, was diesem gehypten Streifen einen weiteren Minuspunkt beschert.
Die in diesem Film thematisierte Sexualmoral scheint überhaupt aus den frühen 50er-Jahren zu stammen: die "exotischsten Sexwünsche" die China Blue ihren Kunden erfüllt, beschränken sich auf Kostümspielchen. Von diesen Kostümen hat China Blue gleich einen ganzen Schrank voll, wie Privatdetektiv Bobby feststellt. Ja, das wars schon. Ansonsten ist da schlicht gar nichts. Auch die in manchen Versionen geschnittene Szene mit dem Uniformierten kann erwähnten Ansprüchen kaum genügen: Der Mann ist nur mit den Händen ans Bett gefesselt, ansonsten aber frei beweglich; sekundenschnelle Schnitte von China Blues Absätzen die an seinem Bein reiben und ebenso kurz der Gummiknüppel, der deutlich sichtbar nur unter den Körper geschoben wird schließen diese schlecht inszenierte Pseudo-SM-Nummer ab. Überhaupt, freizügige Szenen sind völlige Fehlanzeige, und Kathleen Turners knabenhaft flache Brust kann bestenfalls ältere Herrschaften ins Schwitzen bringen. Fast schon peinlich wirds an der Stelle, als der Reverend nebst anderen Utensilien einen mittelgroßen silbernen Dildo aus seinem Köfferchen zaubert und China Blue dies sichtlich erschrocken (und nicht etwa frech oder gar amüsiert) mit "Was ist denn das? Ist das ein Marschflugkörper oder eine Pershing?" kommentiert. Nein, das ist kein Witz gewesen. Sie, die "Beste ihres Fachs" ist in dieser Szene wirklich über die "Größe" (...) erschrocken.
Leider liefert der ganze Film nicht den geringsten Anhaltspunkt daß diese und andere ziemlich verstaubte Vorstellungen von (exotischer) Sexualität etwa persifliert werden sollten (wozu reichlich Gelegenheit bestünde) - stattdessen muß man davon ausgehen, daß das Regisseurs Phantasien tatsächlich nicht weiter reichten.
Der Fim, der sich laut Cover als "Orgie in rauschhaften Farben" sieht, kann die Erwartungen somit in keinster Weise erfüllen. Wie der englische Titel "Crimes of passion" zustandekommt, ist mir ein Rätsel. Ein einziger Mord (noch dazu eher Notwehr) ganz zum Schluß sind keine "Crimes of passion". Vielmehr handelt es sich bei China Blue - bei Tag und Nacht um einen bunten, fröhlichen Bilderbogen, in dem eine lustig kostümierte Prostituierte mitspielt und der ein bißchen 80er-Jahre-Flair verbreitet, ansonsten jegliches Tempo oder gar Spannung vermissen läßt. Dafür gibts mit viel gutem Willen gerademal 3,51 Punkte.