Neben "Altered States" (1980) handelt es sich bei "Crimes of Passion" um einen von zwei großen Spielfilmen, die der britische Regieexzentriker Anfang der 80er in den USA gedreht hat. Russell, der mit seinen wüsten, grotesken und dennoch zumeist sehr ergreifenden Mischungen aus Hoch- und Populärkultur nie vor drastischen sexuellen und grausamen Motiven zurückgeschreckt ist, diese sogar mehr und mehr zu einem persönlichen Markenzeichen machte, musste sich zwar bei der Darstellung von Sexualität stärker zurückhalten als ihm lieb war, dass er ein talentierter Regisseur ist, welcher aus einem grell-schrillen Gesamtbild immer auch die leisen Töne sorgfältig herausarbeiten kann, konnte er dennoch erneut beweisen.
"Crimes of Passion" [Achtung: Spoiler!] vereint die Geschichte von vier Figuren, in deren Mittelpunkt die tagsüber biedere Angestellte und nächtens hemmungslose Prostituierte Joanna Crane bzw. China Blue als Bindeglied steht, während der Film in erster Linie dem Familienvater Bobby Grady folgt, dessen Ehe unter einem düsteren Stern steht: Bobbys Frau Amy entzieht sich ihm in jeder Hinsicht, schläft nicht - oder nur sehr passiv - mit ihm, entzieht sich all seinen Annäherungsversuchen und wirkt bei allen Gesprächen sehr gezwungen. In der Hoffnung die Situation würde sich entspannen sobald die begehrte Sauna angeschafft werden kann, verdingt sich Bobby zusätzlich als Privatdetektiv und beschattet die unauffällige Joanna Crane, die zu Unrecht des Spionierens verdächtigt wird. Dabei entlarvt er jedoch nicht nur ihre Unschuld, sondern auch ihre geheime Arbeit als beste Prostituierte ihres Bezirks. Zugleich stößt er auch auf Rev. Peter Shayne, einen nervlich arg zerrütteten Geistlichen, der zwischen seinen Trieben und seiner Religiösität hin- und hergerissen wird, der sich halb erregt, halb empört durch die Rotlichtbezirke treibt und in Peepshows davon träumt, die Sünderinnen in ihrem eigenen Blut schwimmen zu lassen; daheim zersticht er dann auch eifrig Gummipuppen - eine typisch Russellsche Szene: halb erschreckend, halb unernst und mit viel Pathos dargereicht. Sein Hauptaugenmerk gilt jedoch China Blue, für deren Seelenheil er ganz besonders zu sorgen gedenkt.
Alle Figuren - mit Ausnahme von Amy, die lange Zeit eher eine dramaturgische Triebfeder bleibt und erst zum Ende hin genauer umrissen wird - werden dabei recht sorgsam in ihren widersprüchlichen Wünschen vorgeführt: Am eindeutigsten und zügigsten gelingt das bei Rev. Shayne, der erst in einer der Guckloch-Wichskabinen seiner Erregung verfällt, sofort ins Freie stürmt und in einer wirren Predigt (auch typisch russellsch: die Eingangsbeleuchtung als Heiligenkreis über seinem Haupt) die sexuelle Triebkraft verdammt, als er China Blue in der Menge erblickt, der er nahelegt, ihre Seele zu retten, während man nahezu zeitgleich in ihrem Gespräch erfährt, dass er bereits schonmal ihr Kunde war: sie hat auf seinem Gesicht gesessen.
Die exotische China Blue, die im normalen Alltag zur kühl-distanzierten, leicht verunsicherten Joanna wird, entpuppt sich schnell als oberfläche Maskierung: in ihrer Erscheinung manifestiert sich keine zweite Persönlichkeit, sondern ihre Erscheinung ist ein Platzhalter für alle möglichen Phantasien - so spinnt sie etwa für einen Kunden mit Vergewaltigungsphantasien eine erlebte Vergewaltigung zusammen, die sie bald wieder vergessen hat. China Blue ist kein Charakter, er ist eine bloße Maske unter der Joanna immer auf andere Weise ihrer normalen Rolle entfliehen kann, egal ob sie zur frivolen Nonne, zur Stewardess, zur Vergewaltigten oder zu Vergewaltigenden wird. Dementsprechend gibt sie sich ihren Freiern auch immer als leerer, auffüllbarer Platzhalter zu erkennen und erlügt ihnen jede Wahrheit, die sie gerade haben wollen.
Und Bobby, der fürsorgliche Familienvater, der sich der immer stärker entziehenden Gattin mit größter Aufmerksamkeit widmet, fühlt sich schnell zur Prostituierten China Blue hingezogen.
Doch nicht nur der Zuschauer ertappt die Figuren in ihren widersprüchlichen Begehren, sondern auch die Figuren untereinander entlarven sich mehr oder weniger schnell. China Blue kann sowohl Rev. Shayne als auch Bobby - mittlerweile auch einmal zum Kunden geworden - hinreichend charaktersieren: Shayne als Schwankenden zwischen Trieb und Glauben, Bobby als Ehemann, der gerade zum Betrüger wird und unbewusst ein neues Leben anstrebt.
Umgekehrt wissen aber auch beide Männer viel über China Blue. Bobby kennt sie als Joanna durch seine Arbeit als Detektiv, Shayne kennt sie durch seine Betätigung als Stalker und antwortet auf ihre Frage nach seiner Identität: "Ich bin Du!" Shayne hat bereits erkannt, dass Joanna sich als China Blue den Männern hingibt, da sie sich ihnen als Joanna entzieht - er wird zwar als bedrohlicher Geisteskranker ausgewiesen, dass Joannas China Blue Nummer jedoch ein Symptom einer Unsicherheit ist, hat er dennoch erkannt. Und auch Bobby, der Joanna schließlich zuhause aufsucht, als seine Ehe am Ende angelangt ist und die Scheidung vor der Tür steht, muss erkennen, dass Joanna als Joanna zwar alles mögliche, aber ganz sicher nicht China Blue ist.
Beide Männer versuchen auf jeweils völlig unterschiedliche Weise Joanna zu helfen. Bobby, indem er nach der Trennung von Amy - die sich von da an schlagartig wieder zu ihm hingezogen fühlt - Joanna davon zu überzeugen versucht, dass sie sich auch bei ihr daheim lieben könnten und das auf einer über das Körperliche hinausgehenden Basis, Rev. Shayne, indem er zu drastischeren Methoden greift: Als Bobby Joanna für einen Abend verlässt um Amy zu besuchen, dringt Shayne bei ihr ein, überwältigt sie und lässt ihr zwei Möglichkeiten: entweder bringt sie ihn mit seinem wortwörtlich scharfen Massagestab um, oder China Blue stirbt.
Bobby kommt später am Abend zurück, betritt kaum das Zimmer als Shayne hervorspringt und China Blue absticht - scheinbar. Denn tatsächlich haben Shayne und Joanna ihre Kostüme gewechselt.
Diese Sequenz geht - mit Anthony Perkins unter blonder Perücke - über eine Hommage an und grelle Parodie auf "Psycho" (1960) freilich hinaus: Joanna hat mit ihm (und durch ihn) zugleich auch ihr Alter Ego endgültig abgelegt, während Shayne seinerseits nicht nur das Objekt seiner Begierde (die leere Maske China Blue) und damit seine Triebe zerstört hat, sondern unter dem Einsatz seines Lebens auch Joannas Selbstgefühl und ihre Beziehung zu Männern und zur Sexualität bereinigt hat. Ihre seltsame Beziehung ist somit letztlich keine rein tödliche, sondern auch eine hilfreiche, was auch die Figuren wissen, denn Shayne stirbt zufrieden in Joannas sorgenden Armen.
Diese ungewöhnliche Selbstfindungsgeschichte - ein schillernder, eigenwilliger Mix aus Hitchcock, darstellender Kunst (Präraffaeliten, Fin de siecle, japanische erotische Schnitte), Videoclipästhetik (ein bildhaftes Musikvideo, das vor Bobby und seiner Frau im TV läuft und die Ehe in ein schlechtes Licht rückt), aus Drama, Thriller und Komödie - führt dem Zuschauer nicht nur die vielfältigen Möglichkeiten des Uneins-Seins des Menschen vor, sondern ist freilich auch ein Film über Geschlechterverhältnisse.
Das macht bereits der Beginn klar, der - wie auch das Ende - Bobby in einer Selbsthilfegruppe zeigt, in der einige Männer und Frauen ihre Beziehungsprobleme verhandeln. Hier zeigt sich dann aber auch im gleichen Atemzug, dass Russell diese Thematik nicht ansatzweise auslotet und lieber Klischees und Stereotype für sich spielen lässt: Da sind die männlichen Mitglieder der Gruppe, die deutlich frauenfeindliche Einstellungen äußern. Später tritt ein herrischer Cop auf, der sich von China Blue einen Sexualakt lang dominieren lässt, nur um sie hinterher anzuspucken. Mit der eingekapselten Amy und der verunsicherten Joanna führt der Film zwei ansatzweise hilflose Frauengestalten ein, mit Bobby aber einen verständnisvollen, helfenden, starken Charakter, der nur ganz selten und unter bedrückenden Umständen einen mürrischen Tonfall anschlägt.
Von den selbstbewussten, reflexionsfähigen Frauen der Selbsthilfegruppe ist im restlichen Film kaum etwas zu sehen: China Blue scheint zwar selbstbewusst zu sein, ist aber letztlich nur die Maske von Joanna, die ansonsten auf jede Form männlicher Annäherung arg verunsichert reagiert. (Nur ein - dafür aber auch eine sehr anrührende - Ausnahme präsentiert der Film: in einer Episode wird China Blue von einer älteren Dame engagiert um ihrem totkranken Mann einen letzten Beweis für dessen Männlichkeit zu liefern um sein Selbstwertgefühl etwas zu heben. Der gekaufte Liebesakt kommt nicht zustande, endet in einem tragischen Anfall von Versagensängsten, Schamgefühl und Todesfurcht, als China Blue ihre Perücke absetzt, ihren wahren Namen bekannt und die 100 Dollar zurück gibt. Allerdings ist sie bereits hier wieder in Ansätzen irritiert und verunsichert, auch wenn sie letztlich aus eigener Kraft die Initiative ergriffen hat.)
Gerade durch die rahmenden Geschlechterkämpfe der Selbsthilfegruppe wird der Film doch recht stark in den Kontext der Geschlechterbeziehung gestellt und bleibt dabei doch sehr unausgeglichen, weil es zwar in der eigentlichen Handlung mehr als genug Männer gibt, die negativ gezeichnet werden, aber keine größere Frauenrolle, die nicht irgendwie zur Hilflosigkeit verdammt ist.
Dennoch ein gelungener Film, da er immerhin die Komplexität widersprüchlicher Begehrensstrukturen nachvollziehbar darlegt (und über Rev. Shayne wie auch über ein reiches Paar, das sich China Blue für einen Dreier in ihren Wagen holt, Anstand als pure Illusion entlarvt), unter seiner absurden, lärmenden Oberfläche immer wieder eindringliche Momente enthält, die man hier oder da selbst schonmal in ähnlicher Weise erlebt haben dürfte, und der zudem formal gewohnt hohes Niveau bietet:
Was die darsteller betrifft ragt vor allem Anthony Perkins hervor, der hier ein gnadenloses Overacting an den Tag legt und den verwirrten Rev. Shayne dennoch oder gerade deshalb zu beängstigender Glaubwürdigkeit verhilft. Kathleen Turner leistet ebenfalls Großes und stellt ihren Rollenwechsel sehr nuanciert dar. Und John Laughlin gibt immerhin eine glaubwürdige sympathische Hauptfigur ab.
Rick Wakemans von Antonín Dvorák inspiriertes "It's a Lovely Life"-Leitmotiv verpasst dem Film ebensoviel Vitalität, wie auch die gelungene Montage, die über rasche Schnitte und eingebundene Motive der Kunstgeschichte erfahrbar macht, was Russell der Zensur wegen gar nicht direkt hätte zeigen können. Die Farbdramaturgie, die China Blue und Joanna auch nochmal erheblich trennt, ist anständig und sorgt für satte, farbenprächtige Bilder.
Der Unterhaltungswert ist dank vieler eingestreuter Gags auf Bild- und Tonebene auch recht hoch geworden, allerdings ist Russells doch eher eigenwilliger Humor, bei dem Schock und Witz häufig eng beieinander liegen, bekanntlich nicht jedermanns Sache.
Trotz aller Zurückhaltung musste der Film in den USA nochmal erheblich zurechtgestutzt werden.
8/10