Kenneth Branaghs „Hamlet“ verlangt dem geneigten Zuschauer so einiges ab, denn er präsentiert in seiner Fassung so etwas wie die definitive filmische Vision des Originalstücks, das hier in seiner absoluten Komplettfassung auf Zelluloid gebannt wird. Das heißt: knackige vier Stunden puren Shakespeare, das volle Programm rund um die Tragödie des Prinzen von Dänemark und seines Rachefeldzugs gegen den Mörder seines Vaters und jetzigen Mann seiner Mutter.
Verändert hat sich nicht viel im Vergleich zum Stück, nur die zeitliche Dimension ist aus dem Spätmittelalter in das 19.Jahrhundert gerückt und verleiht dem Stück einen modernen Anstrich, der ihm gut steht. In aller nötigen Pracht verbraucht Branagh hier 60 Mio. Dollar, um einen prachtvollen, aber nie überzogenen „Hamlet“ aus dem Boden zu stampfen.
Es ist sicher diskutabel, ob eine Komplettfassung überhaupt nötig gewesen ist, denn selbst versierte Theaterregisseure kürzen das Stück problemlos auf die von ihnen gewünschte Länge, aber Branagh investiert ungeheure Energie, um mit Saft und Kraft die 240 Minuten durchzuziehen.
In den USA wurde der Film dann auch um gut 90 Minuten gekürzt, was dem flotteren Ablauf mit Sicherheit entgegenkam, doch ist auch der Komplettschnitt eine wahre Offenbarung.
Um das Geschehen noch farbiger zu machen, engagierte Branagh halb Hollywood für eine Nebenrolle in der vielköpfigen Geschichte, um dem Publikum immer wieder Aha-Erlebnisse zu bieten. Kate Winslet übernahm die Ophelia, Shakespeare-Mime Derek Jacobi den schurkischen Claudius und Branagh selbst im Arbeitswahn die Titelrolle, die er mit einem eigenartigen Humor und grimmiger Energie angeht.
Doch in den Nebenrollen winken wieiter die Stars, die manchmal jedoch dazu angetan sind, vom Inhalt ihrer Bidparts abzulenken.
Jack Lemmon ist etwa, gleich zu Beginn, mit seiner Wächterrolle etwas überfordert und gerade den sonst leicht hölzernen Mimen Charlton Heston als Leiter der Schauspieltruppe zu engagieren, ist eher ein augenzwinkernder Schachzug. Dafür bietet nach fast dreieinhalb Stunden Robin Williams einen wunderbar verklemmten Osric und, was man kaum für möglich halten mag, der einzige, der seinem (komischen) Charakter ein völlig individuelles Gesicht verleiht, ist ausgerechnet Oscar-Scherzbold Billy Crystal als Totengräber mit Zigarre.
Ansonsten wandern sie weiter fleißig durchs Bild: Judi Dench, John Gielgud, Richard Attenborough, Gerard Depardieu und diverse Mitglieder von Branaghs Stammpersonal aus anderen Shakespeare-verwandten Filmen wie „Viel Lärm um Nichts“, „Henry V“ oder „Ein Winternachtstraum“.
Ein wenig Sitzfleisch sollte man schon mitbringen, vor allem nach knapp der Hälfte entsteht im Stück ein Loch, daß nur die totale Faszination des zerrissenen Titelcharakters stopfen kann, doch die berühmten Szenen wie die Geistererscheinung, der Mord an Polonius, die Friedhosszene, Ophelias Wahnsinn und ganz besonders das Degen- und Giftfinale haben energischen Drive.
Als zweieinhalbstündige Version sicher ein prachtvoller, vorlagengetreuer Film, als Komplettfassung ein wahres Lebenswerk, daß jedoch nicht verhehlen kann, daß nicht jede Szene, die der Barde in sein Stück geschrieben hat (wenn er es denn war), wirklich von entscheidender Bedeutung ist. (8/10)