Was wurde in den ganzen Foren nicht alles über die Tragödie berichtet und geweint, dass Bryan Singer die X-Men Produktion verlassen hat, nur um Superman zu drehen? Was wurde alles schlechtes über Brett Rattner berichtet, der Mann sei unfähig, wirklich tiefsinnige Geschichten zu drehen, er wäre einfach nur ein bestenfalls solider Handwerker. Was wurde gemunkelt, er würde die X-Men Reihe töten?
Nun ja, es scheint so, als hätten die Fans zumindest im letzten Fall Recht behalten...
Als X-Men Fan der ersten Stunde (ich rede hier von den Comics) verehrt man die Dark Phoenix Saga abgöttisch, das ist sozusagen das Alte und das Neue Testament in einem für jeden X-Men Fan.
Ist die Diskussion über Toleranz und Akzeptanz der große Grundtenor, so ist die Dark Phoenix Saga die ganz große emotionale Geschichte, die das Herz aller Fans damals spaltete, so große Gefühle, so große Tagik gab es nie wieder. Das ist die Geschichte, die die X-Men so groß machte.
Der gesamte Erfolg der X-Men als Comic steht und fällt mit der Dark Phönix Saga. Später wird diese Geschichte in den Comics bis zum Exzess und drüber hinaus verwurstet, aber in seiner originalen Form ist diese Geschichte das unerreichte Optimum, der absolute Höhepunkt der Reihe.
Und jeder Fan wünscht sich eine adäquate Umsetzung dieser Geschichte. So kommt es dann auch, dass es eigentlich unmöglich ist, diese Geschichte wie im Comic umzusetzen. Denn die Comicvorlage ist von kosmischem Ausmaß, Phönix erliegt den Versuchungen der Macht, erliegt der Gier nach unendlicher Freiheit, sie wird nicht böse in dem Sinne, sie erhebt sich lediglich über unsere Konventionen hinweg. Als gottähnliche Figur darf man das.
Dass dabei im Comic ein ganzer Planet vernichtet wird, wenn auch nicht absichtlich, mit 5 Milliarden Bewohnern, steigert den tragischen Aspekt ins Unermeßliche.
Denn der Charakter von Phönix bleibt dennoch nachvollziehbar und irgendwie menschlich, wird sogar in die Schranken gewiesen und besiegt. Doch eine Figur, die für den Tod von 5 Milliarden Lebewesen verantwortlich ist, darf nicht - und sei es auch nur im Comic - ungestraft davon kommen. Also kommt es wie es kommen muß...
Nun gut, nun zum Film: Es ist mehr als verständlich, dass Rattner Phönix nicht 5 Milliarden Menschen opfern kann, denn der Aspekt der Außeriridschen ist in der Verfilmung nicht nur nicht vorhanden, sie wäre auch im Kontext der Verfilmungen vollkommen fehl am Platz.
Wer die Originalcomics kennt, weiß auch, dass Phönix in der ursprünglich konzipierten Form kein anderes Wesen ist, sondern sich tatsächlich aus Jeans Psyche entwickelt in einem Moment der äußersten tödlichen Anspannung. Jeder der etwas anderes behauptet, kennt nur die späteren Comics, die das Phönix-Gewäsch zu sehr komplizieren und ausschröpfen. Mittlerweile ist das zwar der überwiegende Teil der Fans, aber möglicherweise (hoffentlich nicht) gibt es ja spätere Filme, die das so ausleuchten, wie es in den späteren Comics verwurstet wurde.
Insofern ist die Darstellung der Phönix hier auch durchaus angemessen. Ihre Teilnahmslosigkeit vielerorts moniert, ist kein Zeichen von schlechtem Drehbuch oder Ideenlosigkeit, es ist eher ein Zeichen ihrer Orientierungslosigkeit; Eines mehrerer Anzeichen dafür, dass sie nicht weiß wohin sie gehört, nun da sie etwas Höheres geworden ist.
Das wird vor allem durch die Szene zum Ausdruck gebracht, als sie in ihr Elternhaus flüchtet und dort etwas unbeholfen im Stuhl sitzend auf Professor X und Magneto wartet.
Erst als sie sich vom Professor angegriffen fühlt, wird sie handgreiflich.
Man kann sogar soweit gehen zu behaupten, dass sie ihre Kräfte sogar als Phönix nicht völlig unter Kontrolle hat (es auch gar nicht anders will), was man den Szenen mit Cyclops und Wolverine ansieht, vor allem aber auch ihrer Reaktion nach dem klärenden Gespräch mit dem Professor.
Viele Szenen sind direkt aus den Comics übernommen, so zum Beispiel, wenn sie zu Cyclops sagt, er solle seine Brille abnehmen, sie könne seine Augenstrahlen kontrollieren.
Aber dennoch, auch wenn nicht 5 Milliarden Menschen sterben, der Film fängt das Außer-Kontrolle-Geraten von Phönix schön und drastisch ein, indem er gleich zu Anfang extrem wichtige Figuren des Comics sterben läßt.
Diese Figuren leben in den Comics übrigens noch, da sie wirklich verdammt wichtig sind.
Insofern bleibt Rattner dem von Singer eingeschlagenen Weg äußerst treu, und selbst der Tod dieser Figuren paßt absolut ins konzipierte Bild.
Auch ist schön anzusehen, wie Magneto mit der Zeit immer faschistoider wird, obwohl er ja eigentlich selbst ein Überlebender des Holocaust ist, seine Zweck-Heiligt-die-Mittel-Einstellung ist teilweise sehr verstörend.
So zum Beispiel wenn er einen engen Verbündeten, der ihm gerade das Leben gerettet hat, einfach im Stich läßt, den Tod eines engen Freundes kaum betrauert, sondern sich sofort um seine Machenschaften kümmert oder wenn er einfach eine Gruppe von Mutanten auflaufen läßt und sie als Bauernopfer bezeichnet. Zwar tut ihm das alles sichtbar weh - sehr gut gespielt von Ian McKellen - aber er hat nun mal einen Weg beschritten, den er zu Ende führen will, koste es was es wolle.
Und gerade deshalb, glaubwürdig ist Magneto allemal, denn es geht hier um mehr als nur wenige Einzelne, es geht um den Fortbestand einer ganzen Spezies.
Wieder einmal kann der Film nicht alle Fan-Wünsche abdecken, da das X-Men Universum immens komplex ist, es von ihm zu verlangen wäre auch vermessen, mit seinen begrenzten Rahmen tut er jedoch das Beste, was er kann.
Schade ist hier vor allem, dass Nightcrawler nicht mehr auftaucht.
Die Dark Phönix Saga wird also in dem möglichen Rahmen absolut in Ordnung dargestellt, auch die Fehlbarkeit und leichte Selbstherrlichkeit eines Professor X wird schön eingefangen, die Geschichte der Toleranz und Akzeptanz wird ebenfalls schön, wenn auch nicht mehr in dem Kontext wie in den vorangegangenen Filmen beleuchtet.
Alles in allem ist dieser Film der tricktechnische Showdown, den wir Fans uns von Anfang gewünscht haben. Die Charaktere können endlich die Kräfte, die sie auch in den Comics schon entfalteten, in ihrem vollem Potenzial ausnutzen, was zeigt, dass man nun endlich genug Geld zur Verfügung hatte.
Und es wird uns allen gezeigt, dass dies das Ende einer Trilogie ist, was aber weitere Teile nicht ausschließt.
Guter Film, der sich nahtlos an die Vorgänger anknüpft, sogar leicht besser daher kommt, insgesamt ist die gesamte Trilogie auf einem sehr hohen fast gleich bleibenden Niveau
8 Punkte