Ich wollte damals nicht in Bret Ratners Haut stecken, als nach langem Hin und Her bekannt wurde, dass er den Regiestuhl beim dritten Teil des X-Men-Franchise übernehmen würde; denn das Erbe, das Bryan Singer mit den ersten beiden X-Men-Teilen hinterließ, bedeutete eine schwere Bürde, die man als Nachfolger Singers erst einmal schultern musste. Ob es Ratner gelungen ist, diese Bürde auf sich zu nehmen? Nun ja, sagen wir es einmal so: irgendwie schon. Aber man merkt X-Men: The Last Stand an, dass sein Regisseur bei der Bewältigung dieser schweren Last einen Regie-technischen Bandscheibenvorfall erlitten hat.
Wo Singer sich als hervorragender Geschichtenerzähler einen Namen gemacht hatte, erscheint Ratner lediglich als handwerklich begabter Auftragsregisseur, der nur bedingt dazu in der Lage ist, seiner Geschichte und seinen Figuren den nötigen Respekt entgegenzubringen, um die Tradition der ersten beiden X-Men-Filme fortzuführen. Sicherlich ist das nicht nur Ratners „Verdienst“, sondern kann mindestens in gleichem Maße den Autoren Simon Kinberg und Zak Penn angekreidet werden, denn das epische Gerüst, das den Rahmen für The Last Stand bildet, barg mehr Potential als es das Trio auszuschöpfen vermochte:
Jean Grey (Famke Janssen) wurde in X-Men 2 durch gewaltige Wassermassen begraben. Ihr Tod schien sicher zu sein. Doch plötzlich taucht sie wieder auf… Vollkommen verändert, hat sie ihre Kräfte scheinbar nicht mehr unter Kontrolle und so könnte sie eine Gefahr für alle darstellen. Dieses Umstandes bedient sich Magneto (Ian McKellen), der Jean Grey – nun vollkommen von ihrem inneren, nur schwer kontrollierbaren Bösen „Phoenix“ gesteuert – auf seine Seite zieht, um erneut den Kampf gegen die Menschheit anzutreten. Denn die Menschheit hat mittlerweile ein „Heilmittel“ gegen Mutationen gefunden und setzt es bereits als Waffe gegen die Mutanten ein. Ein verbitterter Kampf zwischen Mutanten und Menschen steht bevor, in dem nur Dr. Xaviers (Patrick Stewart) X-Men das Schlimmste verhindern können…
Jean Grey stellt also einen der Dreh- und Angelpunkte von X-Men 3 dar, stellt – nachdem man sie nach Teil 2 eigentlich schon fast abgeschrieben hatte – nun nicht mehr das hübsche, liebe Frauchen, das seine gesamte Kraft in den Dienst der guten Sache stellt, dar. Bereits zu Beginn des Filmes wird mittels einer Rückblende deutlich gemacht, dass mehr hinter dieser Jean Grey steckt, als man es (als Nicht-Comic-Kenner) zunächst vermuten konnte. Dass ihr dabei etwas zu wenig Screentime zuteil wird, ist einer der Aspekte, die man Ratner vorwerfen kann, denn gerade in der charakterlichen Zerrissenheit Greys, die sich nun „endlich“ aus den von Dr. X auferlegten Schranken befreit hat und diese neu gewonnene Freiheit offenkundig zu genießen beginnt, lag viel mehr verborgen als nur zwei größere Auftritte. Diese Auftritte sind zwar in ihrer Intensität kaum zu übertreffen und stellen auch die visuellen und dramaturgischen Höhepunkte des Filmes dar, aber abseits dieser Effekt-überladenen Szenen hätte man ruhig noch etwas mehr von Famke Janssen sehen dürfen…
Ein weiterer Knoten, den Ratner innerhalb der Entwicklung des Plots nicht zum Platzen gebracht hat, ist der Aspekt des Genozids, der Verfolgung und Ermordung von Andersartigen, in diesem Falle der Mutanten (oder – betrachtet man es aus einem anderen Blickwinkel – der Menschen). Dieser wird durch die Entwicklung eines Heilmittels zwar aufgegriffen, aber letzten Endes nur als Aufhänger für ein überbordendes Effektspektakel verwendet. Hier hat man auf jeden Fall das Potential verschenkt, dem Grundtenor der ersten beiden Teile zu folgen.
Blendet man jedoch den Anspruch an dramaturgische Tiefe, die man nach den ersten beiden X-Men-Abenteuern ohne weiteres erwarten konnte, vollends aus, so kann man letzten Endes doch konstatieren, dass X-Men – Der Letzte Widerstand ein sehr guter Film geworden ist, denn in einem Punkt bleibt Ratner dem Schaffen Singers treu: X-Men: The Last Stand ist erneut ein visueller Hochgenuss, der kaum Langeweile aufkommen und in seinen knackig-kurzen 100 Minuten dann schon fast wieder vergessen lässt, dass man ja eigentlich dramaturgisch Anspruchsvolleres vom X-Men-Franchise gewohnt ist. So kommt es dann auch schließlich dazu, dass man sich nach diesem Film erneut bestens unterhalten fühlt. Und genau das ist es doch, was gutes Popcorn-Kino ausmacht. Das – und nichts anderes – ist X-Men – Der Letzte Widerstand, und daher gibt es – trotz angesprochener Mängel – 8,5 von 10 Punkten von einem, der es Bryan Singer noch immer nicht verzeihen kann, dass er sich für Superman und gegen die X-Men entschieden hat…