Der Abschluss der Mutanten-Trilogie kann (wie so oft bei dritten Teilen) nicht mit seinen Vorgängern mithalten. Betrachtet man die Produktionsgeschichte von X-Men: Der Letzte Widerstand hätte es jedoch schlimmer kommen können. Der Absprung von Regisseur Bryan Singer zugunsten der Wiederbelebung des DC-Recken ‚Superman‘ stieß den Fans schwer auf. Der zunächst als Nachfolger angedachte Matthew Vaughn sprang einige Wochen vor Beginn der Dreharbeiten aufgrund der vielzitierten „künstlerischen Differenzen" ab. Sein Nachfolger widerum sorgte endgültig für Skepsis. Brett Ratner, der wohl vor allem Dank der Rush Hour-Reihe und des missglückten Roter Drache-Remakes nicht den besten Ruf genießt, traute man beim besten Willen nicht zu, die komplexe Saga würdig zu Ende zu erzählen. Dass der möglicherweise sogar wichtigere Mann, nämlich David Hayter, nicht mehr an Bord war, schien weniger zu interessieren. Hayter nämlich schrieb das Drehbuch des ersten Teils und arbeitete am zweiten als Co-Autor. Mit Zak Penn blieb zwar einer von drei Autoren des zweiten Teils erhalten und natürlich ist die Diskussion nicht weniger müßig als jene um Ratner - doch vielleicht wäre es Hayter (aktuell für das Watchmen-Skript verantwortlich) gewesen, der den letzten Widerstand zu einem etwas runderen Ende geführt hätte.
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Regisseur Brett Ratner macht bei seiner Inszenierung nicht einmal sonderlich viele grobe Fehler. Stattdessen hat er es mit einer Story zu tun, die sich einfach für größer hält, als sie ist. Von der Lauflänge her kürzer als der erste Teil, allerdings mit einem den zweiten Teil überbietenden Actionanteil, rennt der Film zu schnell durch seine Handlung und die Epik, die den Ereignissen verliehen werden soll, verpufft dadurch nahezu wirkungslos.
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Doch der Reihe nach: wie bereits den Vorgängern gelingt dem Film ein starker Auftakt. Die KZ-Szene in X-Men, der spektakuläre Attentatsversuch in X2; beides Startschüsse, die lange und gewichtig in die folgende Story nachhallen. X3 gelingt dies zunächst mit den digital beeindruckend verjüngten Patrick Stewart und Ian McKellen, die der jungen Jean Grey einen Besuch abstatten und ihre immense Macht entdecken, danach mit einem Jungen, der sich vorm Badezimmerspiegel selbst verstümmelt, um seine Mutation zu verbergen. Ratner trifft hier voll den Ton der Vorgänger, bringt sowohl Handlungsrelevanz, als auch einfach einen schockierenden und in die Geschichte versetzenden ‚eyecatcher‘ unter.
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Es folgt die erste große Actioneinlage, in der die einzelnen Fähigkeiten der X-Men noch einmal kurz vorgestellt werden. Zugleich ist sie ein Zugeständnis an die Fans, die sich den ‚Danger Room‘, in dem die X-Männer und -Frauen eine Gefechtsübung simulieren, schon in den Vorgängern wünschten. Die eigentlichen Ereignisse setzt zum einen ein Mutantenkind namens Leech in Gang, in dessen Nähe jeder Mutant seine Kräfte verliert. Aus ihm wird ein Serum gewonnen, das den Mutanten Heilung verspricht. Zum anderen kehrt Jean Grey von den Toten zurück, ausgestattet mit einer verheerenden, zuvor von Professor Xavier unterdrückten Allmacht, die zur Bedrohung für alle werden kann. Magneto, fest davon überzeugt, dass die Regierung den Einsatz des Serums als Waffe gegen die Mutanten plant, will mit Jeans Hilfe zu einem entscheidenen Schlag gegen den Homo sapiens ausholen.
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Die Idee mit dem Serum ist nicht unbedingt die schlechteste, bietet sie doch als einzige Komponente des gesamten Films noch einen Zusammenhang zu dessen Unterbau, zu Themen wie Toleranz, dem Wunsch akzeptiert zu werden, Rassenhass und Selektion. Gleichzeitig steht er aber auch für das verwässerte Bild, das die Menschen hier abgeben. Gab es zuvor mit Senator Kelly, bzw. Colonel Stryker zwei entschlossene und radikale Mutantengegner auf Seiten der ‚normalen‘ Menschen, irrt diese dritte Partei hier etwas ziellos durch den Film. Mit Hank McCoy, genannt Beast, bekleidet ein Mutant ein Regierungsamt, hier und da entsteht mal ein Zwiespalt über den Einsatzzweck des Serums, aber letztlich wird der Konflikt im dritten X-Men ausgetragen, ohne dass der Mensch dabei wirklich etwas zu sagen hätte, weder als Täter, noch als Opfer (immerhin standen in den ersten Filmen die Einwohner New Yorks, bzw. die gesamte Menschenrasse auf dem Spiel). Auch macht Bösewicht Magneto stets den ersten Schritt und provoziert so natürlich auch dessen Folgen, was sein gesamtes Handeln in frage stellt und die eigentliche Brisanz der Grundidee immer wieder auskontert.
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Magnetos ‚Bruderschaft‘, mit der er in die Schlacht zieht, ist außerdem eine arg durchwachsene Sache. Die neuen Mutanten auf Seiten der Bösen wirken in ihrem Design mit Tattoos, schrägen Frisuren und Kostümen teils fast schon lächerlich und scheinen mehr einem postapokalyptischen Punkszenario zu entspringen, statt sich in die X-Welt einzufügen. Etwas fehlt auch Ian McKellen diesmal zwischen den vielen reaktionären Reden und manchmal unschlüssigen Taten die Würde und Nachvollziehbarkeit, mit der er Magneto in den Vorgängern versah.
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Auf Seiten der Guten greifen die begabte Ellen Page als Kitty Pryde und Daniel Cudmore als mächtiger Collossus aktiver ins Geschehen ein und machen ihre Sache gut. Anna Paquins Rolle als Rogue, deren Verhältnis zu Bobby ‚Iceman‘ Drake durch ihre absorbierenden Kräfte erschwert wird, wird leider nicht besonders elegant zu Ende erzählt und aufgrund der neuen Charaktere wird ihre Screentime ebenso gekürzt, wie jene von James Marsden, der als Cyclops hier kaum über eine Randerscheinung hinauskommt. Halle Berry bekommt als Storm etwas mehr zu tun (was ihre Bedingung war, um überhaupt mitzuwirken), bei ihrer eigentlich recht einfallslosen Performance kann man sich aber fragen, ob es nicht interessantere Charaktere eher verdient gehabt hätten. Selbst DER Leading-Man der bisherigen Serie, Hugh Jackman als Wolverine, kommt beim letzten Widerstand nicht mehr so zur Geltung. Immerhin gesteht man ihm aber den großen Heldenmoment am Ende zu. Eine ziemliche Enttäuschung ist Angel, die erwachsene Version des Jungen aus der Anfangsszene, gespielt von Ben Foster. So, wie sie hier angelegt ist, ist seine Figur fast vollkommen überflüssig und bekommt zudem die mieseste Szene der gesamten Trilogie. Bei ihm ist einfach der Eindruck am stärksten, dass man ihn nur für einen eventuellen vierten Teil schon einmal vorsorglich in das Szenario quetscht. Voll und ganz überzeugen kann Famke Janssen, die eine optisch toll gestaltete, wirklich übermenschliche Bedrohung darstellt und den Kampf ihrer bewussten und ihrer instinktgetriebenen, unterdrückten Persönlichkeit sehr sehenswert herausarbeitet. Auch Kelsey Grammer gefällt als Beast.
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Insgesamt fehlt es X-Men: Der Letzte Widerstand an der Subtextstärke und des logisch aufgebauten Konfliktes der Vorgänger. Dies gleicht Brett Ratner durch einige bombastische Schauwerte aus, was den Film zumindest zur weit überdurchschnittlichen Unterhaltung macht. Leider wird die an vielen Ecken nicht konsequent zu Ende gedachte Handlung ihrem epischen Anspruch nicht vollauf gerecht und zuviele spannendere Subplots halbherzig aus den Vorläufern übernommen und letztlich dem Spektakel neuer Mutanten geopfert. Dennoch: mit guter Atmosphäre und einigen richtig starken Momenten überzeugt Der Letzte Widerstand als Abschluss einer großartigen Trilogie. Aber wer weiß, mit David Hayter... nein, lassen wir das...
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