Review

Von allen kulturellen Sündenböcken, die man seit den 50ern als Schuldträger jugendlicher Verrohung herangezogen hat dürfte das Kino noch vor der Rockmusik die längste Amtszeit genossen haben. Techno, Videospiel, Dungeons & Dragons - alles Schnee von gestern, so harmlos wie ein Besuch bei Oma. Beim Film läuft's zumindest je nach Genre etwas differenzierter. Als Faustregel gilt bis heute: familienfreundlich = akzeptabel, für Erwachsene = Untergang der Zivilisation.

"Fade to Black - Die schönen Morde des Eric Binford", mir bis vor kurzem vollkommen unbekannt, treibt diese Idee auf die Spitze: hier ist nicht (nur) das Horrorkino schuld am Zerbröseln einer zarten Seele, sondern auch Krimi, Western und gar monroe'sche Romantik und letzteres sogar im doppelten Sinne.

Protagonist Eric, verwaist bei Tantchen Stella in Hollywood aufgewachsen, ist im Gegensatz zur früh verstorbenen Mutti eher Teil der unteren Nahrungskette der Filmstadt: als Kurier eines Verleih bringt er mehr oder minder frische Kopien in die Lichtspielhäuser der Traumfabrik, als Privatperson ist er persönlicher Fußabtreter seiner Tante und selbst bei der Realitätsflucht im Kino stets allein. Einzig ein Date mit einem zugezogenen Marilyn Monroe - Double gibt dem armen Tropf etwas Hoffnung.

Als die das Date verpeilt und sich zudem weitere Demütigungen seiner Umwelt häufen rastet Eric endgültig aus. Ein lethaler Streit mit seiner sadistischen Cholerikertante lässt den ohnehin bröselige Damm brechen und Eric setzt sich zur Wehr - in Gestalt seiner Filmhelden aus der goldenen Ära des Kinos. Ein übermotivierter Polizeipsychologe versucht, das Schlimmste für alle Beteiligten zu verhindern. 

Wer schwarze Komödien über unverbesserliche Realitätskomödien mag, die bis zum Hals in der Popkultur stecken und geblendet durch ihr Leben wanken wird diesen Film lieben. Erics Leidensweg konnte man dieser Tage durchaus als Blaupause für "King of Comedy" oder "Cable Guy - Die Nervensäge" ansehen, die mit ähnlichen skurillen, aber auch irgendwie bemitleidenswerten Typen aufwarten. Eric ist dabei nicht mal grundsätzlich unsympathisch, sondern zunächst nur ein Träumer, der vor dem bedrohlichen Alltag und den Enttäuschungen und Gefahren darin in die glanzvolle Welt des Filmes flüchtet. Dass die Dinge eskalieren ist dabei nicht seine Schuld, mehr die seiner Peiniger. Ich für meinen Teil mag den Kerl und habe mich regelrecht in die Performance von Dennis Christopher verliebt. Da ich den Film bisher nur im O-Ton genossen habe kann ich zur Abwechslung (noch) nicht die deutsche Fassung loben, aber bei der Aussicht, in der Rolle je nach Fassung Santiago Ziesmer bzw. Dr. Michael Nowka hören zu dürfen gehe ich von qualitativ hochwertiger Synchron - und Ubersetzungsarbeit aus.

Pastiche, Collage, Hommage: ich bin mir ehrlicherweise immer noch nicht einig, welcher Begriff für Vernon Zimmermann Film am Besten passt, was aber den Film nicht weniger beeindruckend macht. Die Inszenierung und die wahnwitzigen Dialoge gepaart mit dem makaberen Maskenspiel seines Protagonisten machen sehr viel Spaß und die gezündeten Triviabomben sind für die Prä-Internetzeit beeindruckend. Rumnerden und klugscheißen ist in Tagen von Wikipedia keine Kunst mehr, damals war es das schon. Die Art und Weise, wie Zimmermann hier klassische Filmszenen neu kontextualisiert ist sehr interessant un zeugen von einem großen Fachwissen und einer ansteckenden Leidenschaft für das Thema.

Leider scheint der Film im Slasherzeitalter, dass die 80er nunmal auch waren, kein größerer Erfolg beschieden gewesen zu sein. Da war der Horror Zug halt schon in Richtung Splatter abgefahren und unter "Nacht der Creeps" - Niveau in Genreproduktionen auch wenig zu reißen. Schade, denn der Drahtseil Akt zwischen dem heiligen Ernst des Fandaseins, der bitteren Lebensrealität eines vereinsamten Individuums und der Persiflage auf die berühmte Suche nach dem Schuldigen erzeugt durchaus paradoxe, aber spannende Gefuhlslagen, wirft Fragen auf und regt zum Denken an. Vor allem zu kritischem Grübeln darüber, ob manches mal statt der Medien nicht doch unsere Gesellschaft Schuld ist. Oder zumindest in der Pflicht, auch ihren eigenbrötlerischen Mitgliedern trotz aller Unterschiede eine sichere Heimat zu bieten. 

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