Der Franzose Georges Méliès war einer der umtriebigsten Filmemacher der Pionierzeit des Spielfilms. Leider sind viele seiner Werke nicht erhalten geblieben, eines der wichtigsten jedoch glücklicherweise schon: der Science-Fiction-Film-Urknall „Die Reise zum Mond“, den Méliès nach Motiven Jules Vernes und H.G. Wells‘ schrieb und in filigraner Kleinarbeit als rund 15-minütigen Stummfilm inszenierte.
Professor Barbenfouillis (gespielt von Méliès höchstpersönlich) lässt sich zusammen mit sechs Astronauten in einer Kapsel auf den Mond schießen, die im Auge des Mondgesichts landet. Auf dem Mond gibt es eine Atmosphäre, die die Menschen atmen lassen, einen Fluss und Vegetation – und humanoide Mondwesen, die Seleniten, die die Eindringlinge angreifen, jedoch in Rauch aufgehen, sobald sie geschlagen werden. Dennoch schaffen sie es, die Erddelegation zu überwältigen und ihrem Herrscher zuzuführen. Barbenfouillis gelingt es jedoch, sich zu befreien und mitsamt seiner Astronauten die Flucht anzutreten. Man lässt sich mit der Kapsel von einer Mondklippe aus in den Erdozean fallen (!) und zum nächsten Hafen schleppen. Die Expedition war erfolgreich, man konnte sogar einen Selenit gefangen- und mit zur Erde nehmen. Barbenfouillis wird als Held gefeiert und ihm wird ein Denkmal errichtet.
Ich sah die restaurierte, jahrzehntelang verschollene Farbfassung mit der musikalischen Untermalung durch die Band „Air“. An das flimmernde, dabei kunterbunte Bild hat man sich schnell gewöhnt und das Menschengewusel im Palast, das den ersten Akt des Films bestimmt, erschließt sich auch ohne Zwischentitel (auf die Méliès bewusst verzichtete) und ohne Méliès‘ erläuternden Text, den er bei den Aufführungen rezitieren ließ, weitestgehend. Nachdem Kapsel und Abschussvorrichtung fertiggestellt sind, beginnt das eigentliche Faszinosum des Films: die Tricktechnik. Méliès war ein Illusionist, dessen Anliegen es war, diese Kunst auf das Medium Film zu übertragen, was ihm eindrucksvoll gelang. Das Bild des blutenden Monds, dem die Kapsel im Auge steckt, ist legendär und vielzitiert. Bei den auf dem Mond spielenden Szenen kommt sorgfältig in minutiöser Handarbeit entwickelte frühe Tricktechnik zum Einsatz, die Méliès auch als Pionier filmischer Spezialeffekte ausweisen.
Die Saltos der Seleniten erinnern an das Videospiel „Castlevania“, gerade weil auch die Kampfszenen wie aus einem 2D-Plattform-Arcade-Spiel wirken (die es damals selbstredend noch nicht gab). „Die Reise zum Mond“ ist ein aus heutiger Sicht unfassbar naiver, beschwingter und ir- bis surrealer LSD-Trip, der die Fantasie anregte bzw. ihr Bewegtbilder schenkte und den Grundstein vor allem für jene Ausrichtung des Genrefilms legte, die es mit der Wissenschaft nicht so genau nimmt, es vielmehr mit spektakulären Spezialeffekten auf überwältigende Unterhaltung des Publikum auslegt.