Review

„Verzisch dich, du Kanalratte!“

Nachdem Francis Ford Coppola im Jahre 1983 mit „The Outsiders“ und „Rumble Fish“ gleich zwei Romane der Schriftstellerin Susan E. Hinton verfilmte hatte, machte sich US-Regisseur Christopher Cain („Der Junge vom schwarzen Fluss“) an ihren Roman „That Was Then... This Is Now“, im deutschsprachigen Raum ausgewertet als „Jungs außer Kontrolle“ bzw. „Lose Control“, gern auch beides in Kombination miteinander. Wie auch bei Coppolas wesentlich populäreren Verfilmungen handelt es sich um eine Coming-of-Age-Geschichte, die in einem weniger privilegierten Umfeld angesiedelt wurde:

„Küss bloß kein Mädchen, das einen Punkt auf den Lippen hat!“

Mark (Emilio Estevez, „Repo Man“) und Byron (Craig Sheffer, „Voyage of the Rock Aliens“) sind nicht nur zwei echte Tunichtgute, die Milch und Autos stehlen, sondern auch zwei Raufbolde, die sich nichts gefallen lassen und allerbeste Kumpels mit dem Herzen am rechten Fleck. Doch als Byron sich in die junge Cathy (Kim Delaney, „Das Geheimnis meiner Karriere“) verliebt, gerät Mark in Sorge, dass Byron zum Softie würde und ihre Freundschaft vernachlässige. Spätestens als Drogen ins Spiel kommen, droht die innige Freundschaft der beiden Adoleszenten tatsächlich zu zerbrechen…

„Drogen, oder? Statt sich auszukotzen, werfen sie dieses Zeug ein!“

Entdeckt habe ich den Film in einer Liste von Filmen, in denen Punks vorkämen. Der Soundtrack indes besteht vornehmlich aus New Wave, Synthie-Pop und Hip-Hop, doch tatsächlich gibt es in der Schule der beiden Hauptrollen eine negativ konnotierte Gruppe Punks, die abfällig über sie redet. Byron führt besagte Cathy zum Tanz aus, war aber einst mit einer Angela (Jill Schoelen, „Stepfather“) liiert, die nun bei den Punks ist. Ein „Punk“ im Netzhemd und mit geschminkten Augen nennt Byron „Schwuchtel“ – nein, Punks genießen keine sonderlich gute Reputation in diesem Jugenddrama. Doch darum es geht auch gar nicht: Eigentliches Thema des Films ist die schmerzhafte Trennung eines langjährigen gemeinsamen Wegs zweier bester Freunde, der mit der unterschiedlichen Entwicklung beider im Zuge ihres Erwachsenwerdens einhergeht. Im Folgenden gebe ich kommentiert die Handlung wieder:

Erst nach einer Stunde Laufzeit erfährt der Zuschauer, dass Mark und Byron zwar zusammenleben, aber keine Brüder sind: Sie sind wie Geschwister gemeinsam aufgewachsen, nachdem Marks Vater dessen Mutter ermordet hatte. Bis dahin gönnt man Marks Verlustängsten keine nachvollziehbare Entwicklung, sondern rattert sie schnell während der Autofahrt nach Byrons erstem Rendezvous herunter. Ferner etabliert man zwei Nebenhandlungsstränge, den um Cathys „M&M“ genannten schwächlichen Bruder (Frank Howard, „Das darf man nur als Erwachsene“) sowie jenen um Barkeeper Charly (Morgan Freeman, „Sieben“) erst ohne und dann schließlich doch mit Liebesglück. In der Bar des Letztgenannten hängen Byron und Mark gern herum und trinken Cola, weil sie für Bier noch zu jung sind. Diese Handlungsstränge und Charaktere gewinnen an Bedeutung, als Charly bei einem Überfall erschossen und seine Bar geschlossen wird. Während Byron seine Cathy hat, die ihm hilft, den Verlust des väterlichen Freunds zu verarbeiten, fällt Mike in ein emotionales Loch und wird scheinbar anlasslos gewalttätig. Und als Angela wieder solo ist und eine selbstmitleidige Phase durchlebt, dabei betrunken einschläft, schneidet Mark ihr kurzerhand die Haare ab.

Als „M&M“ plötzlich verschwindet, vermuten Byron und Mark, dass er drogenabhängig geworden sei. Darüber entbrennt ein folgenreicher Streit, denn er resultiert darin, dass sie sich gegenseitig ihre Freundschaft aufkündigen. Byron wird von den Sheppards, wie sich Teile der örtlichen Punks anscheinend nennen, zusammengeschlagen, womit die Handlung einmal unmissverständlich deren Gewalttätigkeit unterstreicht. Byron und Cathy finden „M&M“ schließlich in desolatem Zustand und es stellt sich heraus, dass man ihm Drogen als Bonbons untergeschoben hat, um ihn abhängig zu machen. Doch damit nicht genug: Er hatte die Drogen ausgerechnet von Mark, der sich nun als Drogendealer entpuppt, woran die Freundschaft endgültig zerbricht. Es kommt zu einer Action-Einlage in Form einer Verfolgungsjagd zwischen dem per Kfz fliehenden Mark und der Polizei, begleitet von einer kongenialen Instrumentalnummer mit entfesseltem ‘80er-Jahre-Saxophon. Letztendlich baut Mark einen Unfall und wird geschnappt. Doch ist der Gerechtigkeit damit wirklich genüge getan?

Zunächst einmal sicherlich. „Jungs außer Kontrolle“ geht es aber natürlich um etwas anderes: Das verbreitete Phänomen, dass sich die Wege ehemals bester Freunde irgendwann trennen und in diesem Falle einer der beiden auf der Strecke bleibt. Ein Blick in Marks Biographie legt den Schluss nahe, dass er nach der gewaltsamen Trennung von seinen Eltern verständliche Verlustängste entwickelt hat, die zunächst scheinbar grundlos mit ihm durchgehen, ihn jedoch nach dem weiteren gewaltsamen Tod einer geliebten erwachsenen Autoritätsperson vollkommen aus der Bahn werfen. War es der (mir unbekannten) literarischen Vorlage mutmaßlich daran gelegen, auf diese Weise Verständnis für jugendliche/adoleszente Straftäter zu wecken, fällt in Cains Verfilmung zunächst einmal das ‘80er-Jahre-Lebensgefühl ins Auge, das von der Melancholie, die weite Teile der Atmosphäre beherrscht, auf wohlige Weise ergänzt wird. „Jungs außer Kontrolle“ ist in der Tat 80s as fuck, womit er indes nicht dauerhaft über diverse Längen und holprige dramaturgische Entwicklungen hinwegtäuschen kann. Punks als Bösewichte in pädagogisch eigentlich gutgemeinten Werken sehe ich ja immer gern, wenngleich deren Auftritte in diesem Film noch naiver erscheinen als die aus meiner Sicht stärker auf elterlichen Ängsten als auf realistischen Einschätzungen oder Erfahrungen basierende Drogenhandlung. Cains Film ist letztlich in erster Linie eine Abbildung der beschriebenen Ereignisse, die wesentlich oberflächlicher bleibt als es Hintons Werke unter der Regie Coppolas taten.

Nichtsdestotrotz bietet sich mit Craigs Film eine weitere Gelegenheit, einem jungen Emilio Estevez beim Schauspiel zuzusehen, und das an der Seite einer noch am Anfang ihrer Karriere stehenden Jill Schoelen, eines nicht minder unerfahrenen Craig Sheffer sowie eines Morgan Freeman, wodurch das Ensemble auch filmhistorisch interessante Akzente setzt. In Kombination mit dem hörenswerten zeitgenössischen Soundtrack punktet „Jungs außer Kontrolle“ in der B-Note, woraus sich mein Eindruck eines überdurchschnittlichen, jedoch noch reichlich unrunden Films ergibt.

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