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"Ich bin nicht böse. Ich habe nur eine Dummheit gemacht."

Die beiden minderjährigen marokkanischen Brüder Ahmed (Said Tarchani) und Yussef (Boubker Ait El Caid) bekommen eine Schusswaffe um die Ziegenherde der Familie zu hüten. Als sie damit in der Wüste experimentieren schießen sie auf einen Bus voller Touristen.
Die amerikanische Ehepaar Richard (Brad Pitt) und Susan (Cate Blanchett) ist in einem Reisebus in der marokkanischen Wüste unterwegs. Während der Fahrt wird Susan von einer Kugel getroffen. Verzweifelt versucht Richard Hilfe für seine Frau zu organisieren. Das nächste Krankenhaus ist aber hunderte von Meilen entfernt. Und im nächstgelegenen Dorf gibt es nur einen Tierarzt.
In Tokio leidet die taubstumme Jugendliche Chieko (Rinko Kikuchi) unter dem Selbstmord ihrer Mutter. Obwohl sie hübsch ist, scheitern ihre Bemühungen Kontakt zum anderen Geschlecht aufzubauen, durch die Barriere ihrer Behinderung.
Für die jahrelange, mexikanische Haushälterin Amelia (Adriana Barraza) steht die Hochzeit ihres Sohnes bevor. Da sie niemanden findet, der sie wegen ihrer beiden Pflegekinder vertritt, nimmt sie sie illegalerweise von San Diego mit über die mexikanische Grenze.

Wer die vorherigen Filme von Alejandro Gonzalez Inarritu kennt, ist bereits mit der parabelhaften Ausrichtung seiner Stoffe und der verschachtelten, episodenhaften Erzählweise vertraut. Waren in "Amores Perros" und "21 Gramm" zwei Autounfälle das dramaturgische Zentrum, in das sämtliche Handlungsstränge zusammenliefen, ist in "Babel" der verirrte Gewehrschuss das verbindende Element, auch wenn der Zusammenhang mit der Episode in Tokio um die taubstumme Chieko eher lose und etwas zwingend erscheint.

In "Babel" geht es um nichts weniger als die Sprach- und Verständnislosigkeit der Menschen untereinander. Die Verständigungsschwierigkeiten bestehen dabei nicht nur zwischen einander fremden Kulturen, sondern auch im engsten familiären Kreis.
Verdeutlicht wird das Thema durch jeweils zwei verschiedene Sprachen pro Land: Englisch und Arabisch in Marokko, Englisch und Spanisch in Mexiko und Japanisch und Taubstummensprache in Japan.
Die Ereignisse sind außerdem ineinander verschachtelt und finden keineswegs so gleichzeitig statt, wie es die Struktur des Films auf den ersten Blick glauben machen will. Das Aufbrechen der Zeitebene ist jedoch auf einfache und einleuchtende Weise organisiert, man kann sich die Reihenfolge recht bald zusammenreimen, so dass das Schließen des Kreises am Ende keineswegs zur überraschenden Offenbarung wird.

Durch seine verstrickte Erzählstruktur fehlt es "Babel" zunächst an Richtung. Die Geschichten stehen in keinem offensichtlichen Zusammenhang, was doch sehr stark irritiert und das übergeordnete Thema des Films nahezu verdrängt. Teilweise wirken die erst sehr spät offenbarten Zusammenhänge etwas plump und unglaubwürdig.
Auffällig ist der sehr offene Umgang mit der Sexualität. Das Drama scheut sich nicht auch Tabu-Themen, wie zaghafte Beziehungen unter Geschwistern und offensives flirten Minderjähriger anzusprechen und auszubauen.

Satte 90 Minuten verbringt der Film mit fundamentalem Aufbau und Charakterzeichnung bis er seine emotionale Komponente ausschöpft. Bis zum, mit offenen Handlungssträngen versehenen, Abschluss ist die Dramaturgie schließlich doch noch enorm intensiv und mitreißend.
Bis dahin können eher Einzelsequenzen überzeugen. Beispielsweise in der Episode um die taubstumme Chieko, wenn in einer Disco zwischen der Wahrnehmung der Protagonistin und einer äußeren hin und her gewechselt wird.

Brad Pitt ("Troja", "Fight Club") sowie Cate Blanchett ("Der Herr der Ringe"-Reihe, "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels") sind die bekanntesten Gesichter und überzeugend in ihren Rollen. Erheblich bestechender sind jedoch Rinko Kikuchi ("Pacific Rim", "47 Ronin") und Adriana Barraza ("Drag Me to Hell"), die ihre Episoden sensationell tragisch darstellen. Auch die Kinderdarsteller harmonieren.

"Babel" besticht eindeutig durch seine Bilder, dem enormen Anspruch und dem späteren dramatischen Teil. Bis dahin kämpft das Drama allerdings ganz schön mit Längen. Zunächst passt nichts zueinander und es geschieht zu wenig. Der Aufbau dauert eindeutig zu lange. 30 Minuten weniger Laufzeit hätten dem Film gut getan. Dadurch wäre aber sicherlich die Grundlage für das greifbare Verständnis der verschiedenen Kulturen verloren gegangen. Etwas, das vielen anderen Filmen ähnlicher Ausrichtung fehlt. Sehr knappe ...

7 / 10

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