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Den Italiener Michele Soavi habe ich in seiner Eigenschaft als Regisseur bisher mit Horrorfilmen wie dem von mir geschätzten „Aquarius“ alias „Stage Fright“ in Verbindung gebracht oder dem leider immer noch auf eine Sichtung wartenden „The Church“. Im Jahre 2006 drehte er mit „Eiskalt“ einen Thriller nach Romanvorlage von Massimo Carlotto. Man wird Zeuge, wie ein je nach Sichtweise sich entweder im politischen Freiheitskampf oder eben Terrorismus befindender Mann, Giorgio (Alessio Boni), zum Verräter wird und anschließend zum typischen, nur auf seinen eigenen Vorteil bedachten Gangster konvertiert, der die Karriereleiter empor klettert – aber auch nicht immer wirklich die freie Wahl hat, denn natürlich begibt er sich in Abhängigkeiten und ist erpressbar. Wirklich stören tut ihn das aber alles nicht, denn ohne erkennbare Gefühlsregung geht er über Leichen.

Was „Eiskalt“ ganz sicher nicht will, ist um Verständnis für rückfällig werdende Verbrecher buhlen. Stattdessen zeichnet Soavi das Bild einer verkommenen, korrupten Gesellschaft ohne Werte und Moral, in der das Gesetz des Stärkeren bzw. Skrupelloseren gilt. Im Prinzip beobachtet man den gesamten Film lang, wie Giorgio mit einem Kapitalverbrechen nach dem anderen durchkommt. Leider gelingt es über weite Strecken nicht, daraus ein für den Zuschauer schockierendes, ihm nahe gehendes Martyrium zu machen oder ihn mit pessimistischem Nihilismus zu konfrontieren. Durch das Fehlen jeglicher Symapthiefiguren ist eine Identifikation mit einer der Rollen unmöglich und um Giorgio Faszination und Ausdruckskraft zu verleihen zu können, wird er zu eindimensional und zurückhaltend charakterisiert. Letztlich verfolgt man das Geschehen recht teilnahmslos und erfreut sich stattdessen an einigen schönen Kamerafahrten oder der tristen, „kalten“ Optik des Films, die durchaus für so etwas wie die passende Atmosphäre sorgt. Ebenfalls ein Hingucker ist Michele Placido als korrupter Bulle.

Erst im letzten Drittel dreht „Eiskalt“ so richtig auf. Giorgio heiratet eine süße, kleine Frau und gerät – natürlich – in Konflikt mit ihr. Hier bekommt man endlich einen Charakter geboten, mit dem man mitfiebern kann – und wie! Was Soavi da am Schluss mit dem Zuschauer macht, grenzt an Folter. Diese Ohnmacht, diese Verzweiflung, diese Tragik! Das ist wirklich großes Kino, inhaltlich konsequent, künstlerisch sehr beachtlich in Szene gesetzt. „Arrivederci amore, ciao...“

Fazit: Zwei Drittel des Films ließen mich „eiskalt“, das letzte Drittel hingegen ist hochemotional und rettet Soavis Film über den Durchschnitt.

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