Scheisse im Hamburger? Ups, da hat der Ami aber seine lieben Bauchschmerzen damit. Der neue Superburger von Mickey's liegt den Amerikaner etwa so schwer im Magen wie "Borat" oder Bush's Irakentscheidungen. Kein Wunder daß sowas den Marketingmanagern der Burgerkette gar nicht lieb ist - Aufklärung tut not! Don Anderson marschiert also an den Ort des Geschehens und inspiziert die Fleischfabrik, spricht mit den verantwortlichen Menschen. Und wie könnte es auch anders sein: er entdeckt nichts.
Film oder Realität? Richard Linklater mischt gekonnt, zeigt nüchtern und distanziert Einblicke in das Leben der beteiligten Personen. Viel Charakterstudie, wenig Action, keine Anklagen, tiefe Einblicke. Ich habe mit einem Schocker gerechnet, mit übertriebenem Humor, mit einem Michael Moore'schen Vernichtungsschlag. Wie angenehm wurde ich doch überrascht! Ein zarter Film aus dem arte-Abendprogramm im heimischen Kino, wer hätt's gedacht. So ist es wenig verwunderlich daß auch die Zuschauerzahlen weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind.
Doch genau das macht "Fast Food Nation" zu einem guten Film. Was bekommen wir zu sehen? Letztlich die Langeweile des täglichen Lebens gemischt mit wenig aufregendem Fleischskandal. Ja, liebe Zuschauer die ihr euch so ekelt, schaut doch mal in die Tagespresse - genau so läuft das ab. Ein Film, der realer nicht sein könnte. Die Lebensbedingungen der illegalen mexikanischen Einwanderer werden wunderbar mit eingearbeitet ohne daß man je das Gefühl hat hier hätte aus sozialkritischem Gesichtspunkt noch ein zweites Thema verarbeitet werden müssen. Nein, das paßt, das ist nachvollziehbar, das geht in Ordnung.
Letztlich spiegelt auch genau dieser Zusammenhang die Ausweglosigkeit wider: wo soll man anfangen aufzuräumen? Hat Harry Rydell (Bruce Willis, mal wieder in genialer Nebenrolle!) nicht auch irgendwie recht wenn er sagt "da Zeug muß nur ordentlich durchgebraten werden"? Haben wir nicht alle gelernt daß Hitze Bakterien abtötet, gilt das etwa nicht mehr für Burgerketten? Ist unser Fleisch von der Supermarkt-Kühltruhe so wahnsinnig viel besser als das was Mr. Burger verarbeitet? Schlachthof ist Schlachthof, Preiskampf ist Preiskampf - schmerzlich wird uns bewußt auf welche Kosten wir eigentlich unseren günstigen Hamburger verzehren. Und es wird deutlich: hier geht es um weit mehr als nur einen Rindfleischbratling.
"Fast Food Nation" brilliert mit zarten Tönen, einfühlsamen Sozialstudien und liebevollen Details - aber auch mit grausamen Bildern, dem Entsetzen und der Abgestumpftheit der Menschen. Greg Kinnear als Don Anderson zeigt den sozial ambitionierten Manager, der aber nie das Profitziel seines Unternehmens außer acht läßt und die Gratwanderung zwischen Aufklärung und Vertuschung perfekt beherrscht. Freude auch über die Nebenrollen: Bruce Willis als Klassiker ist ja schon fast nicht mehr verwunderlich, aber wer entdeckt Patricia Arquette und Avril Lavigne? Überraschend gut: Ashley Johnson als Amber. Die süße Studentin zeigt mehr als nur ihre knackige Figur - hier steckt Potential für weitere Überraschungen.
Unter'm Strich bleibt wenig Action, viel Realität und eine nachdenklich machende Stimmung zurück. Den ein oder anderen kann das durchaus enttäuschen, den Zuschauer mit Sinn für Kopfkino wird es freuen.
(8/10)