Review

Mit keinerlei Vorkenntnissen über "The Wind That Shakes The Barley" (also ohne je vorher von ihm gehört zu haben) wurde ich von dem Film überfallen (ihr ratet richtig - es war in der Sneak). "Überfallen" ist hier allerding gleich zu relativieren, denn der Film führt die zukünftigen Rebellen Irlands als spielende Jugendliche ein, die noch nichts von ihrem zukünftigen Kampf gegen die Briten ahnen. Weite Teile des Films, unter anderem der Anfang, sind in großartiger Landschaft gedreht worden (ein Grund, warum mir Schott- und Irland so zusagen). Dies ist (neben ästhetischen Gesichtspunkten) deshalb so erwähnenswert, weil Ken Loach damit auf einen Blick zusammenfasst, wofür Kinder zu Rebellen werden - das Problem dabei ist natürlich, dass dies für eine differenzierte Behandlung der IRA-Thematik schlicht nicht ausreicht. Dass der Regisseur sich entschieden hat, die Entstehung der IRA tatsächlich rein von irischer Seite zu zeigen und die britische nahezu auszuklammern, hat zum Einen die Folge, dass sich Personenbeziehungen und -konflikte viel besser und detaillierter zeigen lassen, aber eben auch den Nachteil, dass ein sehr einseitiger Eindruck entsteht.

Zunächst zu den Vorteilen: Die Schauspieler leisten größtenteils wirklich gute Arbeit (allen voran Cillian Murphy). Sie schaffen es, ihre Charaktere glaubwürdig zu spielen und ihnen die Tiefe zu verleihen, die nötig ist, um dem kritischen Touch, den der Zuschauer nun doch erwartet, zu entsprechen. Hier werden Rebellen zu Kindesmördern und zweifeln daran, ob der Weg, den sie eingeschlagen haben, auch der richtige ist - natürlich nicht so banal-kitschig, wie ich es hier in meiner Ungeduld formuliere, sondern so, dass ich mich im Kino nur selten gefragt habe, ob das, was ich eben gesehen habe, tatsächlich eine glaubwürdige Reaktion war.
Auch die Ausstattung des Films ist sehr authentisch - Kostüme, Sets: Hier passt alles und schafft mit der größtenteils ruhigen Drehweise ein ausgewogenes, stimmungsvolles Gesamtbild. Die Farben harmonieren, größtenteils aus Grün- und Erdtönen bestehend, mit dem Gezeigten und schaffen eine bodenständige Idylle, die durch nichts gestört wäre, wenn - ja, wenn nicht die Engländer wären. Und damit kommen wir leider

zu den Nachteilen der Darstellungsweise, die Ken Loach gewählt hat: Die Briten sind nämlich schlichtweg eindimensional. Ihr tägliches Handeln besteht daraus, Iren totzuschlagen, sie psychisch zu piesacken oder ihnen die Nägel einzeln rauszureißen (wie der Film angesichts derart detaillierter Szenen, bei denen die Kamera auch noch voll draufhält, eine FSK 12 bekommen hat, ist mir ein Rätsel). Ich bitte darum, mich nicht falsch zu verstehen: Es geht mir nicht darum, die tatsächliche Geschichte umzukehren und die Engländer als Heilsbringer darzustellen, aber ein Film vermittelt einem über seine medienbedingte Laufzeit das, was er darstellt, als repräsentativ für die Gesamtheit dessen, was passiert. Wie Charaktere während ihrer Screentime dargestellt werden, so sind sie auch. Das ist Filmkonvention, mit der sich nicht brechen lässt, denn der meschliche Verstand nimmt die wahrgenommenen Informationen nun einmal in der eben genannten Weise auf. Der Brite ist hier also ein sadistischer Folterknecht, Ausnahmen gibt es nicht - ein bisschen mehr hätte ich schon erwartet.
Das bisschen mehr bekomme ich auch tatsächlich auf irischer Seite: Nichts zu sehen von geeinter Front, im Gegenteil: Im Verlauf des Films driften verschiedene Gruppen immer mehr auseinander, es kommt zu bösen Streitigkeiten und am Ende ist Irland immer noch besetzt - ironischerweise unter irischer Flagge. Hier zeigt der Film Resignation: Wir haben alles versucht, aber es hat doch nichts verändert. Wir - das ist die idealistische Gruppe der IRA, die nichts von den halbgaren Friedensangeboten der englischen Besatzer hören möchte, sondern weiterkämpfen will.
Schade, wenn dann doch ein wenig zu dick aufgetragen wird: Die Handlungsweise des Hauptcharakters Damien ist zum Schluss hin zwar aus idealistischer Sichtweise durchaus konsequent, und wenn man sich den Rest des Filmverlaufs ansieht (die Weichen wurden hier schon bei der Erschießung des Jungen gestellt), musste es so kommen. Allerdings wird die Endszene (trotz ihrer unglamourösen Aufmachung) mir hier in ihrer Aussage ein wenig zu pathetisch und mag nicht so ganz in den Kontext des restlichen Films passen, der auf irischer Seite einen zu großen Handlungsrahmen zeigte, als dass sich das Ende so festlegen ließe.

Nichtsdestoweniger verdient dieser Film Achtung, auch wenn er nicht ganz so tiefgehend ist, wie er es vielleicht sein wollte, und ist durchaus empfehlenswert, gerade weil die Filmauswahl, was die Thematik angeht, nicht allzu groß ist.

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