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Ken Loach, der wahrscheinlich bekannteste (und vielleicht letzte) Vertreter eines sozialistischen Realismus unter den britischen Filmemachern, hat sich in "The Wind that shakes the Barley" einem der großen Traumata der britisch-irischen Geschichte zugewandt, nämlich dem irischen Unabhängigkeitskampf nach dem Ersten Weltkrieg und dem darauffolgenden Bürgerkrieg zwischen "Free Statern" und Republikanern.

Die Geschichte konzentriert sich auf die Erlebnisse eines Brüderpaares. Der junge Arzt Damien O'Donovan (Cillian Murphy), der jeglichen Widerstand gegen die Briten für sinnlos hält,  steht kurz vor der Abreise nach London, um dort in einem modernen Krankenhaus zu arbeiten, als er Augenzeuge britischer Greueltaten wird. In einem Anflug von empörtem Idealismus ändert er seine bisherige Überzeugung und schließt sich der IRA-Kolonne seines älteren Bruders Teddy (Padraic Delaney), eines ehemaligen Seminaristen, an. Als Teddy, durch britische Folterungen kampfunfähig gemacht, vorübergehend aus Führer ausfällt, übernimmt Damien seine Stellung und damit auch die Aufgabe, einen loyalistischen Großgrundbesitzer und einen jugendlichen Verräter zu liquidieren. Im Laufe des Filmes wechseln Damien und Teddy die Rollen: nach dem Abschluss des Waffenstillstandes, der die Bildung eines autonomen (aber nicht völlig unabhängigen) Irischen Freistaates innerhalb des Empire vorsieht, wandelt sich der ältere Bruder zum besonnenen Befürworter des Vertrages, während der jüngere in diesem eine britische Falle vermutet und bis zur völligen Unabhängigkeit ganz Irlands weiterkämpfen will. Schließlich sieht sich Teddy gezwungen, Damien als Aufrührer erschießen zu lassen, nachdem sich dieser geweigert hat, den Aufenthaltsort seiner Mitstreiter preiszugeben und so in den Genuß einer Amnestie zu gelangen.

Der Film weist deutliche Parallelen zu Loachs eigenem Werk über den spanischen Bürgerkrieg, "Land and Freedom" (1995),  auf, während er dem anderen großen Irland-Drama, Neil Jordans "Michael Collins" (1996), in zentralen Punkten widerspricht. So ist der von Liam Neeson verkörperte Collins ein kluger und weitsichtiger Pragmatiker, der letzten Endes dem sinnlosen Wüten einiger verblendeter Fanatiker aus den Reihen der IRA zum Opfer fällt. Loach hingegen wertet den irischen Unabhängigkeitskrieg als Klassenkampf. Er stilisiert die Free Stater zu tumben Handlangern der anglo-irischen Kapitalisten und Großgrundbesitzer, deren einzige Sorge in der Bewahrung der alten Herrschaftsstrukturen besteht. Die Mitglieder der IRA sind hingegen idealistische Vorkämpfer des Sozialismus, die für die Rechte der kleinen Leute eintreten und eine Umverteilung der Besitzverhältnisse fordern. Gerade die Debatte um die Annahme des Londoner Vertrages erinnert (neben einer surreal anmutenden Gerichtsverhandlung eines komplett weiblich besetzten Volksgerichts gegen einen gierigen Geldverleiher) frappant an die spanischen Revolutionäre in "Land and Freedom", die sich in absurde Diskussionen über die Details der geplanten Bodenreform verwickeln, anstatt alle Kräfte auf den Kampf gegen die Nationalisten zu konzentrieren. In seiner politischen Aussage wirkt der Film daher zu plump und eindimensional, die Schwarz-Weiß-Zeichnung zwischen brutalen britischen Imperialisten, dümmlich-uneinsichtigen Free Statern und idealitischen Republikanern wird der historischen Wahrheit nicht gerecht.

Die Stärke des Films liegt demnach eher in jenen eindringlichen Szenen, die die schuldhafte Verstrickung der ursprünglich nur das Beste wollenden Charaktere in einen grausamen Bürger- und schließlich sogar Bruderkrieg aufzeigt. So wird die armselige Farm der Familie von Damiens Freundin Sinead gleich zweimal gestürmt - einmal von den gefürchteten "Black & Tans", den britischen Söldnern, und einmal von den Soldaten des neuen Freistaates. Damien erschießt den jugendlichen Verräter Chris, nicht ohne dem Todgeweihten Gottes Segen zu wünschen und ihm zu versichern, man werde seiner Familie seine letzten Grüße ausrichten und ihn anständig in der alten Kapelle bestatten. Während der Gefechte zwischen Free Statern und Republikanern brüllen sich die ehemaligen Waffenbrüder mit ihren Vornamen an und versuchen sich gegenseitig davon zu überzeugen, ihren Irrtum doch endlich einzusehen und sich der "richtigen" Seite anzuschließen - nur um in der nächsten Sekunde in ohnmächtiger Wut eine ganze Revolvertrommel in den Körper des früheren Freundes zu entleeren.

Alles in allem besteht die Leistung des Filmes darin, eine - vor allem auf dem Kontinent - zu Unrecht schon fast vergessene Epoche der europäischen Geschichte erstmals seit "Michael Collins" wieder ins Zentrum eines Filmes gerückt und sie auf eine persönlichere Ebene heruntergebrochen zu haben. Am Beispiel der O'Donovans zeigt Loachs Film sehr eindringlich, was ein Bürgerkrieg wirklich bedeutet. Die historisch-politische Einordnung des Themas kann hingegen bestenfalls als diskussionswürdig bezeichnet werden.

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