Lange bevor die letzten Szenen abgedreht waren, steigerte
das Marketing die Erwartungen in Johnnie Tos ELECTION bereits ungehörig hoch.
Ein schonungslos brutales Epos sei zu erwarten, so wurde kolportiert, der
ultimative Blick in die Strukturen und Mechanismen der Hongkonger Unterwelt.
ELECTION wäre zudem unmissverständlich allegorisch und betont politisch, so
dass sich die Zensoren Chinas dem Hongkonger Regisseur schon nachdrücklich in
den Weg geschoben hätten. Johnnie To stapelte mit diesem Werk an seinem Opus
Magnum, seinem Zauberberg – mit diesem Eindruck gedachte man das Publikum
prägen – und tatsächlich stapelte die Vermarktungsmaschinerie damit ganz
erheblich höher als der Regisseur selbst. Nicht nur gegen diese so hemmungslos
geschürten Erwartungen brach ELECTION recht kläglich ein, nein, nicht einmal zu
den Höhepunkten der an solchen mit Sicherheit nicht armen Karriere Tos möchte
man dieses Werk nun zählen. Vor einer in ihrem inkohärenten Design einer
nachvollziehbaren Filmzeit seltsam entrückten und auch deshalb niemals wirklich
einladenden Kulisse, umtänzelte sich der fast durchweg weniger brilliernde Cast
bei einem Wettlauf um einen antiken, sehr fein geschnitzten und mit allerhand
Bedeutung beschwerten Staffelstab, der allein den Aspiranten für seinen Vorsitz
über die vereinten Familien des lokalen Mobs legitimieren kann. Eine einzig
mechanisch inszenierte Hatz um ein archaisches Symbol, welche die weitaus
interessanteren Verflechtungen und Kabale um das bereits über den Titel
anvisierte Ritual ungebührlich aus dem Fokus drängte. Die herbe Enttäuschung,
als die sich ELECTION schließlich entpuppte, prädestinierte eine merkliche Zurückhaltung bei Medien und
Publikum für das in diesem Jahr veröffentlichte Sequel. Tatsächlich aber
ist ELECTION 2 genau der Film geworden,
den Johnnie To bereits anlässlich des Prologs – und als nichts anderes als eine
Hinführung kann man den überflüssigen Vorgänger noch rechtfertigen –
versprochen hatte.
Johnnie To's
ELECTION 2
The Gangs
that built HK
von Nimrod
Die Wo Sing Society ist die Dachorganisation der Triaden
Hongkongs. Ihr Ziel ist es, die Eintracht zwischen den Familien zu wahren, zu
verhindern, dass es zu Macht- und Verteilungskämpfen kommt. Die Gesellschaft
ist Wächterin des Equilibriums der Schattenwelt, ihr Leitspruch (und so auch
der Untertitel von ELECTION 2): Harmonie ist Tugend. In ihrer Essenz eine sehr
pragmatische Devise. Nur wenn die Triaden Ordnung in ihrem Reiche gewährleisten
können, wird die Politik nicht intervenieren, kann der Mob seine Geschäfte
unbehelligt tätigen und expandieren. Es ist eine enorme Verantwortung, die sein
Mandat dem Vorsitzenden der Wo Sing auf die Schultern bürdet. Maßgeblicher
Einfluss auf die Unterwelt und eine erkleckliche Beteiligung an den Gewinnen der assoziierten
Banden machen diese Position dennoch überaus attraktiv. Geld und Einfluss.
Einfluss und Geld. Axiomatische Synonyme.
Lin Lok (Simon Yam) ist vor zwei Jahren zum Vorsitzenden
gewählt worden. Er hat seiner Wahl erheblich nachgeholfen, jedoch die abscheulichen
Abgründe, die sich hinter seiner biederen Fassade als allein erziehender Witwer
verbergen, sehr gut kaschieren können. Er hat, das kann man so sagen, sich
außerordentlich gut verkauft. Und wirklich. Nun, da sich seine Zeit als
Vorsitzender dem Ende neigt, gibt es nicht wenige, die ihm bekunden, wie sehr
sie es bedauern, dass zwei Jahre eine so unwahrscheinlich kurze Zeit gewesen
sind. Ihre Gewerbe haben außerordentlich prosperiert. Dies sind Worte, die Lin
Lok natürlich gerne hört, Worte, auf die er bauen will in seiner Kampagne, die
demokratischen Dogmen ein wenig zu lockern. Er hofft auf eine zweite Periode.
Die Traditionen des Mobs schließen das aus. Tatsächlich mangelt es an einer
echten Alternative.
Jimmy Lee (Louis Koo) – sehr jung, sehr erfolgreich, sehr
geschniegelt – hat es bereits außerordentlich weit gebracht. Sein Handel mit
Raubkopien von Filmen, vor allem pornografischen Werken, boomt. Seine
herausragende Erfolgsstory ist auch zum Teil Verdienst Lin Loks, welchen Jimmy
seinerseits vor zwei Jahren in seinen Ambitionen, Vorsitzender der Wo Sing zu
werden, nachdrücklich unterstützt hatte. Viele der alten Gesellschafter sehen
in Jimmy nun den idealen Kandidaten, Lin Lok nach dessen Amtszeit abzulösen.
Doch Jimmy hat andere Pläne. Er möchte seine Unternehmen legitimieren. Er hat
massiv in Guangdong – das ist die chinesische Provinz, die an Hongkong grenzt –
investiert, vor allem in die Taschen lokaler Parteifunktionäre. Bürokratie kann
wie geschmiert laufen, nur schmieren muss man sie. Nun hat er endlich die
Baugenehmigung für eine immensen Wohnpark und die Zusicherung, das die
Regierung Milliarden für die infrastrukturelle Anbindung des Projektes
investieren wird. Alles scheint arrangiert, und Jimmy und seine Liebste
träumen, von einem Hügel ihr neues Reich überschauend, schon die Träume ihrer
Kinder, die selbstverständlich für völlig ehrbare Berufe an den besten
Universitäten studieren und von der Vergangenheit ihres Daddys nichts ahnen
sollen. Jedoch Herr Xi, mit seiner sonoren Stimme, in seiner einnehmend
charismatischen jedoch sehr nachdrücklichen Art, eröffnet Jimmy Lee, er könne
das alles schnell vergessen. Herr Xi, Inspektor Xi, ist der Polizeichef und hat
Jimmy in seine Falle laufen lassen. Wo käme sein Land denn hin, wenn nun jeder dahergelaufene
Gangster aus Hongkong sich mit seinem schmutzigen Geld in China eine saubere
Weste kaufen würde, fragt er Jimmy. Nur rhetorisch, versteht sich, denn die
Antwort hat er längst parat: China macht Geschäfte nur mit den größten
Gangstern. Bevor es Jimmy nicht zum Vorsitzenden der Wo Sing gebracht hat,
braucht er sich im Festland nicht mehr sehen lassen. Jimmy nimmt die
Herausforderung an. Selbstverständlich ist der machtbesessene Lin Lok alles
andere als begeistert. Es ist nun beinahe aussichtslos, dass er noch einmal zum
Vorsitzenden gewählt wird. Er greift zu den schmutzigsten Methoden, Jimmy zu
diskreditieren und zu erpressen. Und Jimmy, alle Sympathien verspielend, die
man seinem Charakter noch entgegengebracht haben mag, weiß sich mit drastischen
Methoden zu wehren.
Erheblich ausgeklügelter als in seinem Prequel, seinem
Prolog, sind die Mechanismen dieses fiesen Duells in ELECTION 2 inszeniert.
Jeder spielt jeden gegen jeden aus. Das funktioniert im Film ganz deutlich
besser als das Wettrennen, das uns To noch in ELECTION als Kern der Findung
eines neuen Vorsitzenden vormachte – der dort als essenziell präsentierte
Dragon Head Baton spielt in der Tat nur noch eine nebengeordnete Rolle. Jedoch
erschließen sich auch in ELECTION 2 die Strategien der Antagonisten nicht immer
in einer der Filmwelt übergeordneten Logik. Nein, ein wirklich ultimativ
gelungener Film ist auch ELECTION 2 nicht geworden, aber es ist dennoch ein
großer, ein wichtiger Film – die durch das filmbegleitende Artwork unterstützte
Tendenzierung in das Epische bei Puzo/Coppola ist wahrscheinlich etwas dick
aufgetragen, weiß aber dennoch zu gefallen. Zu seinem beeindruckendsten, seinem
aufrichtigsten Moment findet ELECTION 2 erst im Epilog, welcher wohl als eines
der deutlichsten politischen Statements gelten darf, für das ein
Hongkong-Regisseur je verzweifelt genug war. To unterstreicht das jeder, der in
dieser Wahlfarce der Triaden seine Pläne schmiedete, selbst nur Teil eines
Plans war. ELECTION 2 löst sich in
diesem finalen Moment noch einmal nachdrücklich aus dem Rahmen einer
Gangsterballade und ist als bitterer Abgesang auf die Demokratie in Hongkong
unmissverständlich. Die Triaden, mit ihren bei To als demokratisch gezeigten
Traditionen, haben sich einem Gegner ausgeliefert, der es lächelnd in Kauf
nimmt, wenn sie ihm ins Antlitz spucken, einem Gegner, der nach einem
Faustschlag ins Gesicht ihnen freiwillig auch die andere Wange bietet, einfach,
weil er es sich leisten kann und das alles nichts zur Sache tut, und denen, die
nun verzweifelt schlagen, ihre Ohnmacht nur noch nachdrücklicher demonstriert.
Es bleibt keine Hoffnung mehr für die Protagonisten in ELECTION 2, die trotz
oder gerade in ihrer Verderbtheit sinnbildlich für ein Hongkong stehen, das
seine Ideale so hemmungslos verramscht hat, dass nunmehr Geld eine moralischere
Textur hat als seine Seele, dass die Rechnung, zu welcher der in ELECTION 2 als
sadistischer Auftragskiller grandios wieder aus der Versenkung auftauchende
Mark Cheng beständig addiert, als der einzige konsequente Leitfaden in dieser
durch Verrat und Selbstverleugnung zerrissenen Welt verbleibt. Einzig Reichtum
ist glorreich. Get prosper and kill your soul trying.