Irma Vep und ihre Bande
Mit dem 10teiligen Serial Les Vampires schuf Louis Feuillade in den Jahren 1915-1916 ein stilbildendes Stück Kinogeschichte.
Les Vampires ist die Geschichte einer Gangsterbande im Paris des frühen 20. Jahrhunderts und nimmt bereits alle Elemente einer Actionserie vorweg, wie sie noch heute in TV-Reihen wie 24 zu finden sind.
Hat Jack Bauer 24 Stunden Zeit die Bösewichte von ihren finsteren Plänen aufzuhalten, so hat hier der Journalist Philippe Guèrande 10 Folgen lang die Bestrebung das Selbige zu tun.
Menschen werden entfürt, mit Trickwaffen vergiftet, ins Gefängnis gesteckt - nur um von dort wieder zu fliehen, Gangsterbosse wachsen innerhalb der Organisation nach, wie die Köpfe der Medusa etc. etc.
Über allem schwebt die Präsenz der französischen Stummfilmgöttin Musidora (eig. Jeanne Roques), welche hier den ersten echten Vamp (ein Begriff der wohl auch durch den Titel des Serials geprägt wurde) der Kinohistorie gibt.
Musidora ist Irma Vep, ein Name, der umgestellt das Wort Vampire ergibt und die rechte Hand des jeweiligen Grand Vampire, des Vorsitzenden einer Bande von organisierten Kriminellen, welche sich am realen Vorbild der sog. Bonnot-Bande orientiert. Diese waren französische Anarchisten, welche ähnlich den Vampiren hier eine Art Geheimbund im Paris der Jahre 1911-1912 bildeten.
Doch zurück zur Serie, welche mit einer Gesamtlaufzeit von 6 1/2 Stunden sicherlich Sitzfleisch erfordert, aber für ein Relikt der Stummfilmära Europas noch heute zeitlos unterhält.
Dies mag an der ungewöhnlich temporeichen Erzählweise liegen, jede Episode endet mit einem Cliffhanger, eben so, wie man es auch aus Serien der heutigen Fernsehgeschichte gewohnt ist.
Der Journalist Philippe (Édouard Mathé) bildet mit dem trinkfreudigen, geläuterten Exvampir Mazamette (Marcel Lévesque) ein Duo ähnlich heutiger Buddymovie-Konstelationen und immer wieder neu eingebrachte Gegenspieler, wie der mit den Vampiren rivalisierende Gangsterboss und Hobbyhynotiseur Moréno, geben genug Salz in die Suppe, um die Folgen über ihre Lauflänge unterhaltsam und den Zuschauer bei der Stange zu halten.
Alles in Allem kann man Les Vampires gar nicht genug loben, bietet sich hier doch ein höchst amüsanter Blick auf das Leben einer der Metropolen Europas an, welcher nun ganze 85 Jahre Jahre zurück reicht und reichlich Zeitkolorit aus den Folgejahren des ersten Weltkriegs bietet.
Zum Vergleich lässt sich in unseren Landen schnell Fritz Langs Zweiteiler Mabuse - Der Spieler finden, der 6 Jahre nach Les Vampires eine ähnliche, wenngleich ernstere Geschichte, erzählt.
Sowohl Mabuse, wie auch die Vampire, sind Meister der Verkleidung und nur an zwei Sachenm interessiert: Macht und Geld.
Um ihre Ziele zu erreichen ist ihnen jedes Mittel recht; so wird in Les Vampires eine Bar aus einer, im gegenüberliegenden Haus stationierten, Kanone beschossen oder das Schlafzimmer des Feindes wird mit Giftgas (ein Überbleibsel der grauenhaften Kämpfe des 1. Weltkriegs) geflutet.
Feuillade bedient sich reichlich im Metier dessen, was man heute wohl gemeinhin Trivialliteratur nennt. Zufälle bringen seine Helden immer wieder auf die richtige Spur, doch ihre Gegner entkommen meist auf wahnwitzige Art und Weise.
Damit ist Les Vampires heutigen Comic-Adaptionen nicht fern; ein weiterer Hinweis auf den zeitlosen Geltungsgrad dieses Werkes.
Fazit: wunderbare Unterhaltung von Annodazumal - 10/10 Punkte