Review

Ungarns Abgründe? Menschliche Abgründe!

"Taxidermia" ist ein sonderbarer, bemerkenswerter Film. Ein Ausrufezeichen hinter dem Ungarischen Film als Ganzes. Grenzwertig, makaber, surreal. Wenn man sich auf ihn einlässt & sich vielleicht im Nachhinein umhört & historischen Kontext anließt, dann sogar ein Geniestreich zwischen Ekel & Faszination. Erzählt wird in wunderschönen & gleichzeitig fiesen Bildern von drei ungarischen Generation einer Familie. Ein verkommener Stammbaum sozusagen. Zuerst von einem dauermasturbierenden Soldaten im zweiten Weltkrieg, dann von einem Wettess-Meisterkandidaten & dann von dessen Sohn, einem Außenseiter & Taxidermisten (Tierausstopfer) in der Jetztzeit. Drei Generation, ein Geschwür & der unaufhaltsame Verfall in Wahnsinn, Übermaß & dunkler Ironie.

Immer an der Grenze des schlechten Geschmacks, oft genug sogar eindeutig darüber, ist "Taxidermia" einer Geheimtipp für die harten Gemüter. Für Intellektuelle mit unzerstörbarem Magen. Aber hinter all dem ekelhaften Wettfressen, den dunkellustigen Wichs-Eskapaden oder dem Kastrieren eines menschlichen Schweineschwanzes (!), was mein größtes Zusammenzucken verursachte, steckt so viel mehr. Ich sage nur Faschimus, Kommunismus, Kapitlismus - den Rest darf sich jeder selbst herbeiinterpretieren. Keine leichet Kost, weder vorder- noch hintergründig, aber im Endeffekt ein kostbares Zeitdokument & einer der wichtigeren, schlaueren Filme das das Ursprungsland je hervorgebracht hat. Auch als Nicht-Ungar extrem lohnenswert & interessant. Genug Stoff für Masterarbeiten & trotzdem abstoßender Stoff, mit dem nur ganz Wenige etwas anfangen können.

Abgründiges Arthouse-Kino, zwischen Surrealismus & schwarzestem Humor. Das die Schauspieler mutig aufs Ganze gehen & die Bilder zudem von einer überraschenden Schönheit sind, steht im Kontrast zu deren Inhalt & erhöht nur noch mehr den Polarisierungsfaktor von György Palfis Werk. Wer "Taxidermia" als sinnlosen Schund abtut, der könnte falscher kaum liegen. Wer ihn respektiert, mit ihm allerdings trotzdem wenig anfangen kann, den kann ich zumindest verstehen & wiederum respektieren. Ein Kreislauf, ähnlich wie der im Film. Nur nicht ganz so deprimierend & ausweglos.

Fazit: ekelhaft, krank, genial - so etwas wie "Taxidermia" hat nicht nur Ungarn noch nicht gesehen! Historische Aufarbeitung eines Landes, von der intensivsten, perversesten & verstörendsten Sorte - eine aufregende Collage der Fäulnis!

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