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Filme aus Ungarn sind Mangelware. Wer könnte schon aus dem Stegreif fünf ungarische Filmproduktionen aufzählen? Eben. Aber ist ja nicht weiter schlimm, denn mit „Taxidermia" aus dem Jahre 2006 wurde wenigstens dem Spartenpublikum ein fetter Happen Zelluloid vorgesetzt, der nicht nur schwer verdaulich, sondern bisweilen überhaupt nicht konsumierbar zu sein scheint. Trotz seines beängstigend guten Cast. Dabei ist György Pálfis Metaphorik des Irrsinns kein weiterer Arthouse-induzierter filmischer Koller der Sorte „mother!", sondern der recht unzweideutig visualisierte Schmutz des real existierenden Sozialismus.

Der geneigte Zuschauer - und nur der! - folgt in der episodenhaft erzählten Geschichte einer ungarischen Familie, die über drei Generationen hinweg pathologisch degeneriert. Vom onanierenden Uniformträger kurz nach dem Weltkrieg bis zum in der Kunst der Taxidermie versierten Tierpräparator, der im Tauwetter des Kalten Kriegs erst seinen zuvor zu Tode gemästeten Vater ausstopft - und dann sich selbst. In einem Kassensturz der Abartigkeiten verquirlt Pálfi die Psychologie männlichen Sexualverhaltens mit dem menschlichen Drang nach Konsum zu einer unappetitlichen Masse an totem Fleisch. Ob Nahrungsaufnahme oder Kopulation - der Mehrwert des Daseins erschließt sich niemandem in einer Welt, deren hohle Phrasen im tristen Grau der Realität verrußen. Deren apokryphe Glückseligkeit niemanden mehr ansteckt. Deren konsumfeindliche Propaganda sich mit ihrem öffentlich inszenierten Brot und Spiele selbst Lügen straft und als Schwindel überführt.

„Taxidermia" setzt natürlich auf den Schockeffekt. Das muss er auch, denn er ist trotz seiner Intellektualität nicht didaktisch interessant genug, um allein mit seinem politischen Moment punkten oder unterhalten zu können. Zudem besitzt György Pálfis Film ungefähr den Spannungsbogen einer Tomate. Seine inszenierte brüllende Hässlichkeit wirkt dabei jedoch nur auf den ersten Blick als selbstzweckhafter Kniff, Aufmerksamkeit zu erheischen. Denn sie ist ein künstlerisch probates und zu Ende gedachtes Mittel, vor Augen zu führen, welchen Zukunftsperspektiven Abermillionen Menschen entgegensehen müssen, die hinter einem eisernen Vorhang eingepfercht sind. Während man Tag für Tag vermeintlichen Überfluss aus dem Füllhorn des Totalitarismus hinunterwürgt.

Man darf sich also weder einen lustigen Partysnack, noch einen Schocker der Sorte „Saw" erwarten, wenn man den Mut (oder den Humor) aufbringt, „Taxidermia" in den Player zu legen. Vielmehr verschwimmt hier ein Grau in Grau, in dem Menschen als Tiere vegetieren, ohne ein formulierbares Ziel vor Augen zu haben. György Pálfi verspricht in seiner treffenden Analogie zum Sozialismus mehr, als er zu geben bereit ist. Genau das hat in diesem Fall aber System. Und ist Kunst. Und die liegt wohl im Auge des Betrachters. 

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