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5… 4… 3… 2… 1… da kann man doch einfach nicht anders, als gebannt darauf zu warten, was bei Schlag 0 passiert. Das gilt sogar (oder erst recht) dann, wenn man weiß, was passieren wird. Erst wenn die eingetroffene Realität mit der Erwartung abgeglichen ist, sinkt der Adrenalinpegel und man kann sich entspannen. Countdowns sind eben eine Wunderwaffe des Action-, Thriller- und Horrorkinos, da sie eng mit den dort verwendeten Suspense-Mechanismen verzahnt sind. Einige der intensivsten Momente der Filmgeschichte haben wir schließlich den rot leuchtenden Ziffern eines Zeitzünders zu verdanken, der schon so mancher Parallelmontage zu einem hypnotischen Rhythmus verholfen hat. Und ist gerade mal kein Zeitzünder zur Hand, tut’s zur Not auch eine Menschenmasse, die laut vorgröhlt, was die Uhr geschlagen hat. Wie etwa zum Neujahrsfest.

Zeit, das ist die alles bestimmende Komponente im Slasher/Thriller „New Year’s Evil“. Das plumpe Wortspiel des Originaltitels bezieht sich natürlich unverkennbar auf „New Year’s Eve“, die englischsprachige Bezeichnung für Silvester. Mal wieder schmuggelt sich das Böse quasi buchstäblich in besinnliche Volkstraditionen. Ein weiterer Vertreter des saisonalen Horrorfilms liegt also vor, der zumindest konzeptionell in eine Schublade mit „Silent Night, Deadly Night“ (1984) oder „ThanksKilling“ (2007) gehört. Der deutsche Titel „Rocknacht des Grauens“ bügelt die ursprüngliche Doppeldeutigkeit einfach aus und wirkt dadurch ein Stück weit unspezifischer, da er sich ignorant über den speziellen Verweis auf den Jahreswechsel hinwegsetzt. Vielleicht wird er dem bezeichneten Gegenstand aber sogar noch eher gerecht. Denn bei genauer Betrachtung hat auch „Rocknacht des Grauens“ sehr viel mit Zeit und deren Vergänglichkeit zu tun. Die New-Wave-Subkultur, die hier als heißer Scheiß am Puls der Zeit abgefeiert wird, ist ein knappes halbes Jahrhundert später nämlich nur noch ein grotesker Maskenball aus Rouge, Lack und Haarspray, bei dem man eigentlich nicht hinschauen mag, aber auch nicht wegsehen kann.

Mit seinem High-Concept-Ansatz (Anonymer Killer mordet sich Punkt Mitternacht von Ost nach West durch die Zeitzonen Amerikas und prahlt damit live bei einer Silvestershow-Moderatorin, die das finale Opfer werden soll) bemüht sich Regisseur und Autor Emmett Alston nach Leibeskräften, die noch im Aufbau begriffenen Slasher-Tropes aktiv mitzubestimmen, aber der eigentliche Inhalt kämpft vergeblich gegen die schrulligen Kostüme, den chaotischen Soundtrack und die knautschigen Visagen der bizarr aufgetakelten Schauspieler an, die eigentlich keine Masken im Michael-Myers-Stil tragen müssten, um maskiert zu wirken.

Es ist also Roz Kellys verkrampft-coole Moderation, die sich unter Garantie einbrennen wird, auch des knalligen Glitzerkostüms, der roten Tolle und der Schminke Marke „Bluterguss“ wegen. Es sind die Punks, die in ein Cabrio gequetscht zu ihrem Gig fahren und dabei die große Welle machen. Es ist überhaupt das lebhafte Nebeneinander von Punk-Anarchie und Yuppie-Business. Es ist die Krankenschwester aus dem Sanatorium, die sich im Besenstübchen mit schalem Blick von einer Silvesterbekanntschaft vernaschen lässt, nachdem sie mit ihm eine Flasche Sekt aus Pillenbechern geleert hat. Oder der Sohnemann, der sein ohnehin beleidigt wirkendes Leberwurstgesicht unter die Pelle eines Nylonstrumpfes quetscht und an Rosen schnüffelt. Natürlich auch die Stan-Laurel-Maske, deren verzerrte Proportionen den Stil der Produktion perfekt wiedergeben. Es sind letztlich die Neonleuchten, Lederkluften, Partyhütchen, Röhrenfernseher und Kassettenrekorder, die standesgemäß das neue Jahrzehnt einleiten und heute den Blick auf eine modisch betrachtet völlig absurde Phase der Menschheit freigeben.

Dass im Zuge einer solchen Offensive schriller Sinneseindrücke die prinzipiell recht charmante Grundidee nur selten die nötige Durchschlagskraft entwickelt, verwundert da kaum mehr. Das hat allerdings auch damit zu tun, dass die Blutspur willkürliche, teils vom Zufall getriebene Pfade annimmt. Der Killer wirkt in seinem Verhalten spontan, impulsiv und wankelmütig, was nicht ganz zu dem ambitionierten Masterplan passt, der eigentlich ein zielstrebiges und diszipliniertes Vorgehen erfordert.

Das führt dazu, dass auch der Film selbst viele Gesichter annimmt, ohne sich endgültig für eine Marschrichtung entscheiden zu können. „Rocknacht des Grauens“ trägt einerseits diese unverwechselbare „One Night, One Film“-Atmosphäre in sich und verknüpft sie anfangs noch recht harmonisch mit den Thriller-Elementen rund um die öffentliche Kommunikation des Killers mit einer Person im Rampenlicht. Hätte man sich weiter auf diese Aspekte konzentriert, wäre das Zeitzonen-Konzept, so absurd es für sich betrachtet auch wirken muss, vielleicht sogar zur vollen Blüte gelangt. Auch im weiteren Verlauf blitzt immer wieder das Potenzial auf, wenn Mr. Evil etwa den Todeskampf seines Opfers auf Kassette bannt und dadurch aus dem chronologischen Zeitstrahl entkoppelt, was eine hochinteressante mediale Komponente ins Spiel bringt, die sich beinahe schon als Rohmasse für einen Michael-Haneke-Film anböte. Vielleicht spielt sogar eine psychosexuelle Komponente mit ein, verschafft sich der Täter doch durch die Aufnahme die Möglichkeit, den Moment der Tat wieder und wieder zu erleben und seine Obsession obendrein auch noch mit der Öffentlichkeit zu teilen.

Dann aber wird soapiges Familiendrama à la „Dallas“ in den Hintergrund gemischt, während sich stumpfe Slasher-Momente Szene für Szene im Vordergrund abspielen. Letzteres leider zu alldem auch noch ohne den nötigen Punch, da die Morde meist im Dunkeln, im Off oder anderweitig fürs Auge unsichtbar vonstatten gehen, so dass kaum mehr bleibt als die grauenhaft theatralische Voice Performance auf dem Tonband. Die eigentlich hochinteressanten Subtexte zum Thema Simultanität werden von der Regie im eigentlichen Akt zu keiner Zeit ausgeschöpft. Das Geschehen bleibt somit nicht nur ausgesprochen unblutig, sondern auch noch enttäuschend eindimensional. Anteilig haben wir es außerdem mit einem Musik- und Modefilm zu tun, als würde das Geschehen eben aus Sicht einer Fernsehkamera betrachtet werden… wobei die Perspektive ohnehin so inkonsequent zwischen Täter, Opfer und Öffentlichkeit pendelt, dass man nicht einmal so recht weiß, ob das Ganze nun ursprünglich als Whodunit oder als Howcatchem konzipiert war.

Wenn „Rocknacht des Grauens“ trotz mieser Kritiken im Laufe der Zeit einen kleinen Kult um sich versammeln konnte, dann wohl, weil er eines der besonders prägnanten Beispiele für das tosende Erwachen eines wirklich schrillen Jahrzehnts darstellt… und dies auch noch mit einer fetten Silvesterparty einläutet. Möchte man Emmett Alstons undefinierbares Horror-Debüt als Slasher kategorisieren, dann haben wir es mit einem der geltungsbedürftigen Sorte zu tun; während sich nämlich die Jasons und Michaels dieser Welt mit intimen Waldstücken und Vororten begnügen, hetzt dieser quer durch die Staaten und überträgt auch noch alles im frei empfangbaren Fernsehen. Kein Wunder, dass Alston später hauptsächlich Actionfilme drehen würde, bei dem Tempo, das er an den Tag legt. An spannenden Einfällen und unorthodoxen Methoden mangelt es also nicht. Einen einwandfrei getakteten Horrorfilm bekommt man auf diese Weise allerdings noch nicht zwangsläufig hin.

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