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„Du glaubst nicht an Gott und hast Angst vor dem Tod!“

Zwischen den allgemein anerkannten, wegweisenden Klassikern „Frankenstein“ und „Der Unsichtbare“ drehte der US-Amerikaner James Whale im Jahre 1932 einen etwas in Vergessenheit geratenen kleinen, komödiantischen Grusler, der auf dem Roman „Von der Nacht überrascht“ aus der Feder John Boynton Priestleys basiert: „Das Haus des Grauens“.

Eine Gruppe Reisender muss sich in den walisischen Bergen während eines Unwetters in eine trockene Unterkunft flüchten und klopft an die Tür der in einem ausladenden alten Gemäuer lebenden Familie Femm. Zwar werden die Unglücklichen nicht sonderlich freundlich empfangen, doch wird ihnen Einlass gewährt. Die Femms entpuppen sich als sich gegenseitig nicht unbedingt wohlgesinnte, recht eigenartige Familie bestehend aus dem alten Geschwisterpaar Horace (Ernest Thesiger, „Frankensteins Braut“) und Rebecca (Eva Moore, „Jud Süss“) sowie einem stummen Diener (Boris Karloff, „Frankenstein“). Außer ihnen lebt auch der bettlägerige, 102-jährige Vater dort, darüber hinaus scheint sie ein düsteres Geheimnis in den oberen Stockwerken zu beherbergen...

In seinem klassischen Aufbau mit einem grimmigen stummen Diener und abweisend wirkenden Bewohnern eines abgelegenen, schlossartigen Gebäudes wirkt „Das Haus des Grauens“ wie eine Art Prototyp des Gruselhaus-Horrors zu frühen Tonfilmzeiten. Doch versieht Whale seinen Film mit viel Humor besonders anhand überzeichneter Charaktere, allen voran der Schwester des Hausherrn, die fast taub ist, grundsätzlich alles falsch versteht und ebenso gottesfürchtig wie unfreundlich-schroff ist, womit sie ihren Bruder beinahe in den Wahnsinn treibt. Die alte Dame zetert sich durch zahlreiche Mono-/Dialoge voller Fatalismus („Schöner Stoff, er wird verrotten. Auch ihre schöne Haut, auch die verrottet mit der Zeit!“), abweisendem Groll und harscher Ungastfreundlichkeit und wirkt dadurch grotesk, irgendwo zwischen bedrohlich und urkomisch. Seine unheimliche Aura entfaltet der Film durch seine altertümlichen Kulissen, in denen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint und die diversen Hinweise der Femms, dass irgendetwas dort ganz und gar nicht stimmt. So wurde eine weitere Schwester, die einen recht ausschweifenden Lebensstil führte, möglicherweise ermordet und scheint auch der grobschlächtige stumme Diener, der dem Alkohol frönt und dadurch regelmäßig aggressiv wird, einiges auf dem Kerbholz zu haben. Und was zur Hölle verbirgt sich in den oberen Stockwerken? Vegetiert dort wirklich das uralte Familienoberhaupt vor sich hin? Weshalb fürchtet sich Horace, die Treppen hinaufzusteigen?

Immer wieder setzt Whale das Gesicht der tauben Rebecca Femm unheimlich in Szene und bedient sich außerdem expressionistisch anmutender Schattenspielereien und flimmernder Lichtquellen für den Bildaufbau. Jäh unterbrochen wird die Gruselstimmung durch die Ankunft zweier weiterer Gäste, die ebenfalls wetterbedingt Unterschlupf suchen. Spätestens hier wird deutlich, wie Whale mit gegensätzlichen Charakteren arbeitet, die er aufeinander prallen lässt. Es wird viel geredet und sogar eine reichlich aufgesetzte wirkende Romanze in die Handlung integriert, bis die Situation schließlich eskaliert und das Geheimnis gelüftet wird. Dieses entpuppt sich als – ungewöhnlich für die damaligen Horrorfilme – keinesfalls übernatürlich, wenn auch mit tatsächlich gefährlichem Irrsinn ausgestattet. Viele andere zuvor eingeführte Handlungselemente verpuffen dafür weitestgehend und erweisen sich als nicht weiter von Belang. Whale spielte mit den Charakteristika eines Horrorfilms, ohne wirklich einen zu drehen. Nicht nur durch das gegenüber der Literaturvorlage abgeänderte, jetzt glückliche Ende enttäuscht „Das Haus des Grauens“ ein wenig und macht letztlich nicht viel aus seinen schrulligen Charakteren. Alles ist bizarr und irgendwie unwirklich, letztlich aber nicht zwingend gefährlich, zudem stets begleitet von einem eigenwilligen Humor. Im Nachhinein erscheinen viele Szenen eher selbstzweckhaft denn zwingend für den Handlungsaufbau erforderlich.

Nichtsdestotrotz macht es durchaus Spaß, dem Treiben als Zuschauer beizuwohnen, denn die Schauspieler sind bestens aufgelegt und hängen sich in ihre Rollen ziemlich rein. Bemerkenswert: Der 102 Jahre alte Opa Femm wurde, so sagt man, von einer Frau gespielt. Zudem macht die Vorreiterrolle, die „Das Haus des Grauens“ für Filme mit ähnlicher Ausgangssituation mit Sicherheit einnimmt, ihn filmhistorisch interessant und stellt ein nostalgisches Vergnügen für Freunde des frühen Gruselfilms dar.

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