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Wie auch schon in Schlafes Bruder beweist Vilsmeier, dass er lieber Zahnarzt geworden wäre. So Aua ist das, was der einem da ohne die Spur von Selbstironie auftischt. Schon der Look der Story, alpaka-rein, das vermeintliche Staraufgebot aller deutschen Männer unter 40 sowie die vollständige Talentfreiheit, wenn es um den Dialog geht. Nun, da steht Vilsmaier wahrlich nicht allein, aber er hat schließlich kein privates Topic seiner sinistren Phantasie gewählt, sondern, gleich nach der Schlacht im Teutoburger Walde, die deutsche Konfrontation mit der Außenwelt schlechthin.

Wenn mir mein Großvater vom Russlandfeldzug erzählte, erinnerte sich immer wieder an das Vorwärtsmarschieren im Schnee und das Aufwachen im Schlafsack. Unausgeschlafen und frierend gweckt werden und dann im Halbdunkel in tiefgefrorene Stiefel klettern; das Gewehr ergreifen, dessen Material so kalt ist, dass die Finger dran kleben bleiben. Wenn Erwachsene Männer vor Schmerzen weinen, die nicht mit Granatsplittern oder abgetrennten Gliedmaßen einhergehen, sondern mit Hühneraugen, mit Blasen an den Füßen, mit abgestorbenen Fingerspitzen, die einen um den Verstand bringen. Als man, mit sich selbst beschäftigt, im Vorbeigehen - en passant wie er sich ausdrückte - miterlebte, wie ganze Ortschaften, Männer, Frauen, Kinder, von den sie begleitenden SS Divisionen ausgerottet wurden.

Stalingrad war technisch zwar die Endstation des deutschen Russlandfeldzuges, doch politisch war sie erst der Anbeginn des eigentlichen Kapitels Nazideutschlands, das noch Heute das Bild des Deutschen in der Welt ziert. Stalingrad könnte ganz, ganz großes Kino sein - wahrscheinlich wird es irgendwann mal einer machen - wenn man das eigentlich Thema darin erkennen würde. Jeder Interessierte sollte „Die Wohlgesinnten" von Jonathan Littell lesen, einem Jahrhundertroman, der die Ereignisse des Russlandfeldzuges in bizarrer Eindringlichkeit dokumentiert. Denn was später an der Westfront zur Gewohnheit werden sollte, etablierte sich hier: Das Infiltirieren der Wehrmacht durch die SS. Stalingrad war für die Wehrmacht die Nemesis, das Waterloo schlechthin. Hier wurde nicht nur der Krieg verloren, hier starben nicht nur Menschen, hier starb, wofür eine Armee einsteht, die Nation. Stalingrad war gleichbedeutend mit dem Wendepunkt deutscher Geschichte, das man als vorher und Nachher definieren könnte.

Umgekehrt bedeutete es auch für die Rote Armee und für ganz Russland den Ruck, der fast 50 Jahre lang nachhallen sollte. Stalingrad war nur oberflächlich eine militärische Schlacht, unter der Haut war es der Zweikampf von Tyrannen und totalitärer Systeme, in dem das vermeintlich geringere Übel obsiegte. 

Vilsmair interessiert all das wenig. Ihm liegt allein daran, den Kollateralschaden zu vermitteln, den eine verlorene Schlacht nun mal mit sich bringt. Die Kritik, schaut man u.a. mal aufs Deutsche Filmlexikon, liest sich dennoch doppelt kontraproduktiv: Im Allgemeinen wird Vilsmaier vorgehalten, keinen wahrhaften Antikriegsfilm geschaffen zu haben, und sich womöglich noch an der Gewalt aufgegeilt zu haben. Da muss man dem Bescholtenen zur Seite springen, denn selbstverständlich kann ein Kriegsfilm sowenig ein Anti-Kriegsfilm sein, wie ein Gangsterfilm ein Anti-Gangsterfilm. Das Genre selber kann wohl schlecht bereits eine Negation seines Themas beeinhalten, Denn das beherrschende Thema des Krieges ist nun mal die Gewalt.

Davon mal abgesehen, ist der Film auch in Punkto Gewaltdarstellung eine einzige Enttäuschung.      

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