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"So ’ne lumpige Stadt, die nehmen wir doch in drei Tagen."

Die grausamste Schlacht des Jahrhunderts steht bevor, der Krieg ist im vierten Jahr, er wird damit nicht enden, er geht noch eine Weile. Eine Aufteilung der Welt aus deutscher Sicht, wir die Guten, dort die Bösen, die Eroberung weit fortgeschritten, fast ganz Europa, Teile von Nordafrika. Ein stummer Text zu Beginn, still für sich, die Verortung des Geschehens, dann die militärischen, fast epochalen Klänge, soldatisches Treiben, erst auf der Tonspur, später im Text und im Gefecht. Die ersten Einstellungen trügerisch und täuschend, noch ist Spätsommer, noch ist August, man genießt die Sonne an der Küste, der Strand ist steinig, es sind auch schon Verluste und Verletzungen unter den Badegästen an der Adria zu sehen, körperlich wie geistig. In die Seele wird später auch geschaut, “Herz ist Trumpf“ heißt es hier noch, wird das Leben mit Weib und Alkohol und den italienischen Gesinnungsgenossen ein letztes Mal genossen und gefeiert, wird der Landserfilm probiert, bevor es in den Kriegsfilm, in den 'Heimat'film (“Eure Heimat ist der Krieg!“), in das Ungemütliche, in den Anfang vom Untergang geht:

August 1942. Nach einer kurzen Ruhepause wird die Sturmpioniereinheit um Leutnant Hans von Witzland [ Thomas Kretschmann ] nach Stalingrad versetzt, um unter General Hentz [ Martin Benrath ] und Hauptmann Haller [ Dieter Okras ] die bereits schwer beschädigte Stadt mit einzunehmen. Noch wissen die Soldaten wie der Obergefreite Fritz Reiser [ Dominique Horwitz ], Unteroffizier Manfred 'Rollo' Rohleder [ Jochen Nickel ], GeGe Müller [ Sebastian Rudolph ], Otto [ Sylvester Groth ] und Landser Feldmann [ Thorsten Bolloff ] nicht, worauf sie sich eingelassen und was ihnen noch blüht.

Die Lazarettschwestern sind anfangs auch dabei, manche im Badeanzug, andere im Berufskostüm, die Deutschen erst frohlockend, dann haben sie es plötzlich eilig. Es wird improvisiert, der Appell steht an, die Sturmpioniere hatten nur kurz Ruh', sie kamen aus EL-Alamein. Die Gesichter sind entweder starr, oder kindlich, oder abwesend, oder abweisend, kleine Details in der uniformierten Masse, im Reih und Glied der Landsknechtnaturen, dazu Erhebung von Kommentaren (“Warst du schon mal in der Wüste? Ist zum Kotzen da. (....) Ich sag dir, Wüste ist scheiße.“) von inneren Gedanken, durch Briefe in die Heimat, an die verlassene Familie. Ein Bestehen durch Leistung, durch Ordnung, durch Pünktlichkeit, durch Erfahrung wird hier illustriert und schnell desillusioniert, zudem ist Macht Information, ein Hinauszögern des Unausweichlichen, jeder ist nur eine Nummer und ersetzbar, keiner unabkömmlich, man ist selber nur Nachschub für die vielen Versehrten, die man am Bahnhof passiert, Bilder der Abschreckung eigentlich, hier noch von den Beteiligten ignoriert.

Schön hier“, lautet die Zusammenfassung des gezeigten Elends, “Dabei sind wir noch gar nicht in Stalingrad.“ die Entgegnung. Eine Einfahrt in das Verderben, dunkle, kalte Mauern, höhlengleich die 'Empfangshalle', ein Vorhof des Todes, das Gegenteil von dem Freizeitspaß eben noch, die plötzliche Wandlung und rapide Steigerung schwer erträglich. Ein Trupp Braunhelme marschiert frisch ausgeruht und unter falscher Annahme, aber umso mehr Stolz und Fehlschlüssen und falsch verstandener Identität, früher ebenso auftretende Mannschaften sind versprengt und zerschlagen, Menschen in Kriegsgefangenschaft wird übel mitgespielt, zudem kocht jeder sein eigenes Süppchen, es gibt keine Einheit, keine Einschränkungen, keine Einigkeit, der Führer ist weit weg. Beistand bei Gott kann man suchen, wird angeboten zumindest, man kann sich der Situation anpassen, man kann sie hinnehmen, manche sind da, um andere negative überschwängliche Gefühle zu unterdrücken, sich selber einen Sinn zu geben, manche aus reiner Zwangsverpflichtung, manche haben einen Protektor, der aber bloß Hinweise verteilt, manche Dinge, Anklagen gegen Vorgesetzten bspw. besser sein zu lassen, viele nur den Kameraden neben sich. Im explosiven Häuserkampf, der gegen den Bolschewiken dann prompt ansteht, ist der Kollege neben oder hinter oder vor sich vielleicht auch wichtiger, man ist nicht allein in dem Chaos, alles ist zersplittert, man kraucht durch Holz- und Metallschutt, die Einschüsse und Explosionen mal näher dran, mal flammend am Horizont. Fahrzeuge detonieren, ein schwer zugängliches Gelände, Massenszenen, Massensterben, es werden Ruinen geschaffen und zusätzlich ausgeräuchert, es werden Opfertaten verlangt, aus Gruppenzwang und niedrigen Selbstwertgefühl heraus vollzogen, im qualmenden, rauchenden, knalligen Durcheinander der eigene Freund erschossen, ein 'Weiter, weiter“ gellt durch die zerborstenen Reihen, die Dringlichkeit des Ortes selbst erfährt man erst hinterher. “Es kommt kein Schiff mehr die Wolga hoch, das ist das Entscheidende.“, die Voraussetzung für den angestrebten Endsieg.

Vilsmaier, der gestählt durch die vorherigen Publikumserfolge Herbstmilch (1988) und Rama dama (1991) den Film hauptsächlich gestemmt hat, begibt sich rasch in die Gefahrensituation, dann in die Schinderei und Barbarei, es gibt wechselnde Belastungen und wechselnde Perspektiven, es gibt von jetzt auf gleich ununterbrochene Feuerpausen, in den wenigen Minuten Ruhe werden Annäherungen versucht, es wird belagert und verlagert und suizidale Operationen gestartet. Ein grobes Geschehen, die Bilder klamm, technisch großzügig, vom Aufwand her stramm. Eine Erzählung mit vielen einzelnen Bestandteilen, ständig was anderes, ständig was los. Es geht in die Labyrinthische Kanalisation, man hält sich an vier, fünf Personen bzw. Schablonen oder schablonenhaften Personen fest, von insgesamt mehr als eine Million Toten, mal wird mit Flammenwerfern durch die Gegend marschiert, mal ein unfreiwilliges Leichenbad genommen, geschrien und bei vollen Bewusstsein Gliedmaßen amputiert. Befehle und Gehorsam, Hierarchie und Bürokratie, die komplette Regellosigkeit und Ratlosigkeit, die vielen Fehler und die Fahrlässigkeit, ein anhaltender Ausnahmezustand bar jeder Vernunft, es geht nicht um das Erobern, sondern das Zerstören und Ausrotten und das eigene Überleben; dem Film geht es um die Unsinnigkeit des Ganzes, die Unstimmigkeiten, es ist kein Verlass und kein Verständnis und kein Wunder, dass vom erstrebten Heroismus nur eine entscheidende und einschneidende Niederlage, ein Trauma und ein riesiger Friedhof, eine filmische Warnung und Abschreckung verblieb; “Der Kessel ist zum Kochen da, bis das Fleisch gar ist.

Frisch vom Truppenübungs- und Exerzierplatz teilweise die Führung, das Gefolge übermüdet und/überfordert, Vilsmaier, der sich zuvor und danach auch mit Historiendramen, aber nie wieder in dieser Größenordnung beschäftigt hat, wird hier vor allem auch in der Bildgestaltung, als gelernter Kameramann, im angestrebten visuellen Realismus aktiv. Das Geschehen bleibt jederzeit nah dran an den Kämpfenden und Eingeschlossenen, den Nationalsozialisten, den Mitläufern und dem “Offiziersgesocks“, teilweise wird die Autorität (“Ganz schön viel Blech an der Titte.“), die Subsidiarität (“Jetzt ist aber Schluss mit der Rumjuderei.“ bei der gescheiterten Verweigerung einer Exekution auch von Kindern) und damit auch die Absurdität und gleichzeitig Aktualität des Ganzen deutlich (die Bilder der anarchistischen Evakuierung per Flugzeug, mit den Flammenbällen am Horizont und dem Gedränge am Start- und auf dem Rollfeld erinnern deutlich an Nachrichten aus Kabul, August 2021; auch die erneut aufkommende Debatte um die Wehrpflicht und die Wehrtüchtigkeit angesichts der jetzigen politischen Lage), trotz oder wegen eines enormen Zeitsprunges nach einer Stunde; dass, was den meisten Zuschauern oder Kennern des Filmes präsent ist, die Bombenentschärfung mit bloßen Händen des Strafbataillons mitten im schneebedeckten Ödland, das erneute Einziehen während Weihnachten zu einem Himmelfahrtskommando gegen den 'Iwan', das kriechende Fliehen eines “Frontschweins“ vor einem heranrückenden Panzer in einer Abwehrschlacht, der weggesprengte Unterleib etc.) passiert nahezu exakt in der zweiten erzählerischen Hälfte. Dazwischen sind viele Auslassungen, auch fehlende oder der eigenen Interpretation überlassene Auffassungen, Andeutungen vom Leid der überfallenen, ausgeraubten, vertriebenen Zivilbevölkerung, Aufforderungen nicht ohne Grund, Abstumpfen nicht ohne Wirkung. Zwischendurch gewinnt man mal einen Kampf, fern der Hauptkampflinie, dennoch bleibt man bloß Verlierer: Deserteur, Leichenfledderer, Vergewaltiger, Mörder, kraftlose Gestalten in Fetzen und Lumpen, Vater, Sohn und Ehemann, mit Furunkeln und Nekrosen.

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