Review

Die Ehe in Trümmern, das Kind entführt und nie mehr aufgetaucht, und jüngst nächtliche Terroranrufe vom prügelnden Ex, der frisch aus dem Knast ist und wieder Kontakt sucht… - bei Agnes läuft alles ziemlich scheiße und das schon eine geraume Zeit. Ihr Trick damit umzugehen: Drogen, Realitätsflucht, wenig soziale Kontakte, ein Leben als Einsiedler in einem schäbigen Motel.
Doch dann ein Lichtblick: Sie lernt den heimatlosen Peter kennen und nimmt ihn bei sich auf. Peter ist still, schüchtern und irgendwie ganz anders als die Männer, mit denen sie sonst so Umgang pflegte.
Doch dann eines Nachts: „Autsch! Was ist das!? Mich hat was gebissen!“ – Bettwanzen. Was als kleiner Ungezieferbefall, dem man mit ein paar Sprays Herr werden kann, beginnt, schlägt bald in eine Epidemie infernalischen Ausmaßes um, bei dem auch die Regierung ihre Finger im Spiel zu haben scheint.
Was ist los: Ist Peter tatsächlich das missglückte Biologieprojekt aus dem Golfkrieg bzw. die lebende Petrischale, die nun droht überzuschwappen und ihre todbringende Fracht an Killerinsekten über die Menschheit zu verstreuen? …Oder ist Peter just ein entflohener Irrer in der Phase seines psychotischen Schubes...?

Achtung: Spoiler inside!

William Friedkin – ewig keinen gescheiten Horrorfilm mehr fabriziert und dann, 23 Jahre nach „Der Exorzist“, „BUG“ – erlesenes Kopfkino, das mit Paranoia, Wahnvorstellungen und psychischen Falltüren spielt als wären es Legosteine. Erwachsenen-Horror könnte man sagen, der ohne Effekthaschereien, blutrünstige Morde und schwarzhaarige Mädchen auskommt, der einen zwar nicht unter die Bettdecke oder an die Schulter des Sitzplatznachbarn zwingt, dafür aber für ordentlich viel Kurzschlüsse zwischen den Gehirnwindungen und unbehagliches Bauchgefühl sorgt. Da wird die Obstfliege ganz schnell zur Killerschwadrone der CIA und der kleine Juckreiz zum Indiz auf unter die Haut implantierte Insektennester oder Computerchips. *kribbel-kribbel*
Hauptcharakter Agnes liefert mit ihrer psychischen Instabilität den perfekten Nährboden für Peters Wahnvorstellungen und geht voll und ganz und ohne Selbstschutz auf seine verschrobene Gedankenwelt ein. Die darstellerischen Leistungen der beiden Hauptdarsteller sind dabei so überaus gut, dass man auch als Zuschauer Gefahr läuft, in die Gletscherspalte des kompletten Realitätsverlustes mitabzurutschen.

Manko des Films allerdings: Die Frage, ob Peters Ängste vor globaler Überwachung durch irgendwelche künstlich gezüchteten Mikroinsekten nun real sind oder nicht, stellt sich eigentlich zu keinem Zeitpunkt – zu übertrieben, komplex und haarspaltend seine Gedankengänge, zu kompromisslos sein Weltbild, zu eindeutig seine geistige Umnachtung.
Klar, ein kleines Fenster Richtung „Hm, eigentlich könnte das doch alles stimmen“ bleibt freilich offen und das Herbeisehnen eines Klarheit verschaffenden Machtwortes, einer finalen Aufklärung hält auch ganz gut bei der Stange, auch wenn man hier, wie so oft, vergebens wartet, und mit der Frage ins Bett gehen muss, ob die ganzen Verschwörungstheoretiker nicht am Ende doch recht haben könnten.
Als Zuschauer steht man dem Treiben der Zwei und ihrem klaustrophobischen Sturzflug genau so fassungslos gegenüber wie im Film Außenstehende (Agnes beste Freundin und ihr Ex), welche das Geschehen nur mit Kopfschütteln kommentieren können, da jegliches Einwirken in diesen in sich geschlossenen und äußere Einflüsse und Besänftigungsversuche total abblockenden Mikrokosmos unmöglich erscheint.


„ICH BIN DIE SUPER-MUTTER-WANZE ! ! ! !“


Der Mondlandungshoax, das Kennedy-Attentat, der von der US-Regierung inszenierte Anschlag aufs World-Trade-Center… - „BUG“ ist Futter für alle, die keinem außer sich selbst über den Weg trauen und in den Augen von Unbekannten und Passanten stets das Funkeln der Hölle oder den Spionageblick eines Undercover-ermittelnden Regierungsbeamten erblicken.
Ein sehr stimmiger, zeitgemäßer und moderner Horrorfilm, zwar nicht wirklich massenkompatibel, aber dafür mindestens doppelt so sick wie Ferris, wenn er blau macht.

Geistig gesund:
(-)(-)(-)(-)(-)
Seelisch ausgeglichen:
(-)(-)(-)(-)(-)
Psychisch krank:
(+)(+)(+)(+)(+)[(+)]

Fazit:
Klapsmühlenreifes Kammerspiel zum Mitflippen. Der Streifen macht buchstäblich aus einer Mücke einen Elefanten und erzeugt einen Strudel, dem man sich nur schwer entziehen kann.
Fuck, mich juckt’s auch schon überall… WAAAAAH ! ! ! !

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